Thursday, July 13, 2017

Nachtwache...

Manchmal muss man arg die Zähne zusammenbeißen. Und jetzt ist mal wieder so eine Zeit. Ludwig hat trotz Medikamenten noch immer epileptische Anfälle und vorgestern gab es davon gleich zwei. Seitdem war ich gezwungen jeden Unterricht und alle Aktivitäten außer Haus abzusagen, weil ich ihn nicht alleine lassen kann. Ich kann auch nicht zum Einkaufen fahren, weil ich ihn dann alleine im Auto lassen müsste. Ich kann auch niemanden ins Haus lassen, zumindest niemanden, der das Problem nicht am eigenen Leib erlebt hat. Also bleibe ich zu Hause, achte darauf, dass keine Kabel auf dem Boden liegen, dass keine Stühle im Weg stehen und das nichts Zerbrechliches auf den Tischen steht. Denn von jetzt auf gleich kann er einen Anfall haben, fällt dann steif auf den Boden, hat Krämpfe, liegt im Urin, schäumt aus dem Maul und dann rudert er wild mit allen Armen und Beinen. Dabei drückt er Möbel weg, wirft Stühle um oder schlägt mit Kopf oder Pfoten gegen harte Ecken.

Seitdem er das Medikament nimmt, ist er im Anschluss nicht mehr orientierungslos. Er bleibt meistens erstarrt liegen, wacht dann irgendwann auf und ist dann körperlich wieder fit. Zumindest im Vergleich zu vorher, wo er typischerweise noch eine halbe Stunde lang wild hechelnd durch die Gegend gelaufen ist und dabei auch das ganze Haus schmutzig gemacht hat. Dennoch ist noch keine Lösung da; die Anfälle kommen regelmäßig, rund 20 seit März. Jetzt hat er ein neues Medikament dazubekommen. Es wird nicht garantiert, dass es funktioniert und nach allem was ich mitbekommen habe, glaube ich auch nicht daran, dass es funktioniert. Über die Krankheit ist im Grunde nichts bekannt und ich habe mit Diagnosen eh so meine Probleme. Meiner Meinung nach ist das Problem simpel und die Ursache müsste festgestellt werden - nicht starke Medikamente gegen den unbekannten Feind gegeben werden.

So oder so ist das Problem da und schränkt uns alle massiv ein. Nicht nur Arbeitsausfall ist die Folge, wir halten auch Nachtwache auf dem Sofa. Seit zwei Tagen. Denn wenn es wieder passiert, müssen wir zur Stelle sein.

Zu allem Überfluss sind wir auch von Wildschweinen überrannt worden. Sobald es dunkel ist, bevölkern sie die Straßen. Lange vorbei die Zeiten, in denen man um Mitternacht noch mal eben eine Runde ums Haus machen konnte. Vorgestern rief mich meine bessere Hälfte gegen 22 Uhr an. Ich sollte ihn und Ludwig mit dem Auto abholen kommen, sie seien umzingeln und könnten nicht nach Hause. Dabei waren sie nur gut 100m weit weg. Ich lief sofort nach draußen und als ich das Auto die Auffahrt hochfahre, treffen die Scheinwerfer auf einen riesigen Eber auf dem Bürgersteig, der mich stoisch anschaut und dann laut grunzt. Ihm folgen mindestens drei weitere, etwas kleinere Erwachsene und dann eine Schar Frischlinge. In der Kurve steht meine bessere Hälfte mit Hund und einigen Nachbarn. Viele Autos fahren, die Wildschweine mittendrin. Wir fahren weiter Richtung Stadt und gehen unsere inzwischen neue obligatorische Spätabendrunde im Gewerbegebiet. Hier wurden bislang eher tagsüber Wildschweine gesichtet, aber man könnte sie im Zweifelsfall von Weitem schon sehen. Und wenn wir wieder nach Hause kommen, fahren wir vorsichtig auf den Parkplatz, einer geht vor und checkt die Lage und erst wenn die Luft rein ist, darf Ludwig aus dem Auto. Es ist nicht einfach ein dunkelgraues Wildschwein in einer dunklen Nacht zu erkennen, gerade wenn es sich nicht bewegt.

An den letzten beiden Abenden, wo wir sowieso schon mit Epilepsie und Frustration zu kämpfen hatten, war jedes Mal kein Wildschwein zu sehen, wenn wir mit dem Auto ankamen. Jedoch dauerte es beide Male nur maximal fünf Minuten, bis wir die Nachbarshunde hysterisch bellen hörten. Das ist das Zeichen, dass die Schweine wieder unterwegs sind. Auf allen Wegen grasen sie ab, was sie bekommen können. Sie wühlen in der Erde, reißen Pflanzen heraus und fressen laut schmatzend das Obst, das von den Bäumen fällt. Sie sind überall und hätten wir das hohe Gartentor nicht, kämen sie bis an die Haustür. Jurassic Park lässt grüßen! Wir sind belagert und ich frage mich wo die Tage hin sind, an denen man einfach ganz normal leben konnte, ohne Anfälle und ohne Belagerung und ohne Nachtwachen auf dem Sofa, in denen man bei jedem Laut sofort aufspringt. Wo man auch mal das Haus verlassen konnte, sei es um zu arbeiten oder irgendwo etwas trinken zu gehen.

Ich nutze meine Ausgangssperre und meinen Arbeitsausfall für Fernseminare an amerikanischen Unis. Ich habe Psychologie, Pädagogik und Neurobiologie belegt und habe meine Konzentrationsfähigkeit auf Knopfdruck enorm schulen können. Ich werde regelmäßig unterbrochen und muss den Hund immer im Blick haben, aber mir gelingt es immer wieder schnell ins Lernen zu kommen. Und ich bastel an neuen Projekten, in der Hoffnung, dass es bald wieder aufwärts geht...



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