Tuesday, May 9, 2017

Klar bekommst du deinen Ausweis, sagte das Universum... III

...Es glaubt mir kein Mensch, aber freitags vor dem neuen Termin ging das Motorrad erneut kaputt! Gleiches Problem, gleicher Ärger! Wutentbrannt buchte ich sofort einen Zug, der bereits horrende Preise hatte, aber wenigstens würde ich so nach Mailand kommen, allein und ohne weitere Hilfe. Es war egal. Ich wollte einfach nur den Kram abhaken können! Eine gewisse Spannung blieb, denn ich hatte in Mailand lediglich eine Stunde zwischen Ankunft und Termin im Konsulat und das konnte knapp werden, zumal ich eine Strecke von rund 20 Minuten zu Fuß hinter mich zu bringen hatte. Im schlimmsten Fall wäre ich zu spät und hätte beide Strecken fahren müssen, ohne auch nur einen Schritt weiter zu sein.

Am Montag stand ich deswegen schon zu Unzeiten auf, nahm einen viel zu frühen Bus um ebenfalls viel zu früh am Bahnhof zu sein. Bis hierhin war ich immerhin schon mal. Solange der Zug keine Verspätung hatte...es war sehr voll auf dem Bahnsteig, auch eine größere Menge Soldaten gingen hier auf und ab und als ein Zug nach Recco auf unser Gleis umgelegt wurde, wurd mir etwas mulmig. "Eh scusi, der Zug nach Mailand fährt doch auch von hier oder?", fragte ausgerechnet mich ein Mann, als wüsste ich mehr als er. "Das hoffe ich stark, denn sonst habe ich ein echtes Problem!" Und dann kam die Durchsage: "Der Intercity 658 nach Mailand verspätet sich um etwa 120 Minuten. Trenitalia entschuldigt ..." Was?! Waaas??!! Das war ja jenseits von gut und böse! Das war unglaublich! Das war einfach nur unfassbar!! Mailand ade! Mein Trip endete dort am Bahnsteig von Genova Brignole! Fast hätte ich geheult! "Lass dir dein Ticket erstatten!" rief meine bessere Hälfte am Telefon, als ich schon fast aus dem Bahnhof raus war. Schnell zurück und zum Informationsschalter gerannt. Hier bildete sich gerade in Windeseile eine Schlange und ich war immerhin auf dem dritten Platz. "Weiß man wieso der Zug nach Mailand nicht fährt?!" rief jemand über alle Köpfe hinweg. "Da ist jemand davor gesprungen!" erklärte der Mann am Schalter. "Das wird eine Weile dauern!" Die Leute vor mir ließen sich einen anderen Zug geben, die hinter mir hatten hiermit ihren Flug verpasst. "Muss ich mich hier anstellen, wenn ich mein Ticket erstatten lassen will oder kann ich morgen wieder kommen??" rief eine gehetzte Frau, die von ganz hinten in der Schlange gekommen war, die inzwischen bis in den Vorraum reichte. "Nein, nein, da müssen Sie hier warten", erklärte der Mann in aller Seelenruhe. "Oddiiiiooooooo" hörte ich sie wieder verschwinden. Als ich schließlich an der Reihe war, zeigte ich auch mein Rückfahrticket vor und erklärte, dass ich beide Tickets zurückgeben müsste. Ohne große Umstände bekam ich einen Wisch über den erstatteten Betrag und noch beim Verlassen des Gebäudes klickte mein Handy und bestätigte, dass Trenitalia Geld überwiesen hatte. Wenigstens kein finanzieller Verlust. Was aber war mit meinem Termin? Dem Termin, den ich ein zweites Mal nicht wahrnehmen konnte? Ich musste denen doch Bescheid geben! Auf der Homepage suchte ich vergeblich eine Telefonverbindung. Die Passstelle könnte man ab 16 Uhr telefonisch erreichen. Ansonsten gäbe es noch eine Nummer, die man nur im Notfall nutzen sollte. Nein, ein Notfall war das nicht. Ich kam nur einfach nicht nach Mailand! Egal wie ich es anstellte! Was war das Problem? Was stimmte nicht mit dem Trip? Ich brauchte doch diesen verdammten neuen Ausweis!

Das Motorrad war nicht zuverlässig, der Zug auch nicht. Es musste etwas anderes her! Die einzige Möglichkeit um auf Nummer sicher zu gehen, war, den einzigen Tag der Woche zu nehmen, der auch nachmittags Termine zur Verfügung hatte. Ich würde wieder in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus gehen, den gleichen frühen Zug nehmen, hätte vier Stunden Pufferzeit vor meinem Termin und weitere zwei Stunden bis zu meiner Rückfahrt. Ich wäre damit genau 12 Stunden unterwegs um einen Termin von 15 Minuten wahrzunehmen, aber es war die einzige Möglichkeit, wenn ich nicht in Mailand übernachten wollte...

Ich klickte mich wieder durch die Captcha-Termine, druckte wieder den Antrag mehrfach aus, machte von allem Kopien, gleich mehrfach (!) und fragte mich ob mich das Konsulat nicht inzwischen hasste. Oder ob sie mir keinen weiteren Termin mehr geben oder mich vor Ort anbrüllen, ich sollte endlich diese blöden Scherze lassen und dann sagen ich würde von ihnen nie und nimmer einen Ausweis bekommen!

Zwei Wochen später stand ich erneut auf dem Bahnsteig nach Mailand. Der Zug kam, er war pünktlich, ich saß sogar auf einem luxuriösen Einzelplatz mit Steckdose, kaufte beim Steward einen Kaffee und arbeitete mich durch 200 Seiten E-Book, ehe ich völlig unerwartet pünktlich in Milano Centrale einfuhr! Ich brauchte die ausgerechneten zwanzig Minuten zu Fuß zum Konsulat und entschied, die nächsten vier Stunden Wartezeit als entspannter Tourist zu verbringen. Es war zwanzig Jahre her, dass ich das letzte Mal als richtiger Tourist in Mailand war und ich wollte auf alten Spuren wandeln. Unter anderem saß ich eine gute Stunde auf dem Domplatz in der Sonne ohne irgendetwas zu tun. Haaaaach! Das war fast wie Urlaub! Dutzende Deutsche liefen hier in geführten Touren herum, ein Paar setzte sich glatt neben mich auf die Steine und fragte frei weg auf Deutsch (!) "Ist hier frei?" Sah ich so deutsch aus?! Schließlich gab ich in einem Buchladen noch ordentlich Geld aus und wusste, wieso es all die anderen Male nicht geklappt hatte. Mit ausreichend Zeit machte der Trip richtig Spaß! Völlig entspannt zog ich schließlich zurück zum Konsulat.

Die Tür war verschlossen und da hing ein Schild mit dem Hinweis sich im Stockwerk weiter oben zu melden. Na dann...hier klingelte ich und meinte förmlich auf Deutsch ich hätte einen Termin. Der Italiener, der mir geöffnet hatte, war überaus freundlich, nahm meinen Ausweis entgegen, erklärte in gebrochenem Deutsch, dass der Direttore noch nicht da sei, aber ich abgeholt würde und brachte mich in einen abgeschirmten Bereich. Hinter dem Glas sah ich ihn telefonieren, mit einem Kollegen sprechen und dann wild gestikulieren. Dann steckte er den Kopf durch die Tür und fragte leicht gehetzt (und diesmal auf Italienisch): "Ääähm, entschuldigen Sie vielmals, Signora, mit wem genau haben Sie den Termin?" Das wusste ich nicht. "Ich bin für einen neuen Personalausweis hier!" Aaaaah, er lachte erleichtert auf. "Das ist nicht in diesem Stockwerk! Ich muss mich entschuldigen, ich habe Sie verwechselt und ich hätte Sie gleich fragen können und dann hätten Sie nicht erst hier warten müssen!" Ach, guter Mann, wenn er gewusst hätte, WIE LANGE ich bereits auf das ganze Happening gewartet hatte...da waren die popeligen drei Minuten in diesem Büro hier wirklich nichts dagegen. Sicher hätte mich noch interessiert, mit wem er mich verwechselt hatte, offenbar täuschte der Umstand, dass ich in einem Business-Outfit gekommen war, aber dazu hatte ich nun auch keine Zeit mehr...

Mein echter Termin, für den ich gekommen war, fand in einem heruntergekommenen, alten Raum mit drei Schaltern statt und das mit einer halben Stunde Verspätung. Ich sprach mit der einzigen deutschen Person, die vor Ort war, ansonsten schienen nur Italiener hier zu arbeiten. Und garstig war die Person auch noch. Beschwerte sich, ich hätte zu viele Dokumente dabei, die sie alle gar nicht sehen wollte und irgendwas würde fehlen. Hey Kumpel, keine Dinger! Ich hatte alles überprüft, doppelt, dreifach, vierfach, fünffach! Wenn hier jetzt noch irgendwas schief ginge, dann würde ich mich hier an Ort und Stelle entleiben! "Ach nein, stimmt, ist alles da!" Dann sah ich wie sie die Fotos abmaß, verglich und dann wortlos die neuen mit dem roten Kopf weglegte und eines der alten, guten Fotos ausschnitt. Hurra! "Ich nehme an, Sie wollen den Ausweis zugeschickt haben und nicht noch einmal nach Mailand kommen, sehe ich das richtig?" - "In der Tat würde ich das bevorzugen. Ist das Shipping denn sicher?" - "Naja, wir garantieren für nichts, aber in den Jahren, in denen ich hier arbeite, sind nur zwei Ausweise auf dem Postweg verloren gegangen." Das Risiko würde ich eingehen. Ich unterschrieb, zahlte, bekam Broschüren zum neuen Ausweis und verließ das Konsulat...

Es war vollbracht!





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