Sunday, December 31, 2017

Language Success Team 2018...

Wer von euch Italienisch lernt und ├╝ber ein Level von mindestens B1 verf├╝gt, ist herzlich eingeladen an unserer italienischen Facebook-Gruppe "Language Success Team 2018" teilzunehmen. Morgen am 1. Januar geht es los, alles kostenlos. Weitere Informationen per Mail oder schaut einfach vorbei um euch einen Eindruck zu verschaffen. Wir haben ├╝ber 80 Teilnehmer!

Buon Anno Nuovo!! ­čśŐ

https://www.facebook.com/groups/169871046953020/

Saturday, December 23, 2017

Buon Natale...

Eigentlich hatte ich ja noch einige Postings zu schreiben, aber wo ist nur die Zeit geblieben? Lege ich auch diese auf die 2018-To-Do-Liste, die schon jetzt gruselig lang ist! Aber was soll ich sagen: bis heute t├Ąglich Unterricht und den letzten Unterricht gibt es jetzt am 28. Dezember. Sogar am 26. h├Ątte ich arbeiten k├Ânnen, aber da habe ich Theaterkarten. Das nenne ich mal Vollbesch├Ąftigung und kann nicht klagen!
Ich bin auch noch die Beantwortung vieler Fragen schuldig und auch diese werde ich im Januar nachliefern m├╝ssen. Ein weiteres Jahr geht zu Ende, ein hartes Jahr voller Herausforderungen aber auch vielen tollen Chancen und Entwicklungen! Unterm Strich kann ich wirklich nicht klagen!

Also dann: Buon Natale! Fr├Âhliche Weihnachten! Und kommt gut ins neue Jahr! ­čÄä­čÄů­čśä



Monday, December 4, 2017

Mal nicht zum Thema Italien...

...sondern zum Thema Schule, Leistungsdruck, volle Terminkalender, Burnout bei Kindern. All das hat mich auch dazu gebracht dem System den R├╝cken zu kehren, denn auch als Lehrer stand ich unter genau DEM Druck, der auch die Sch├╝ler kaputt macht. Als Lehrer war dann auch nach kurzer Zeit das Gehalt v├Âllig nebens├Ąchlich, denn der Job hat mich ruiniert. Zumindest war ich damals in den 90ern als Sch├╝ler nicht ├╝berfordert. Allerdings hab ich auch nicht wirklich etwas gelernt. Im Grunde viel sinnlos vertane Zeit. Jetzt versucht man es mit mehr Inhalt und mehr Druck, verk├╝rzt die Schulzeit, ├Ąndert aber nichts an der Masse, und gleichzeitig ist mehr als fragw├╝rdig, ob die Inhalte ├╝berhaupt wirklich n├╝tzlich sind. Auch wieder ein Grund, wieso ich nie wieder mit einer Schule arbeiten w├╝rde und darauf bestehe mein eigenes Ding zu machen. Fremdbestimmtheit und ein Leben als Leistungsmarionette sind mir einfach nur ein Gr├Ąuel. Denn man spinne die Geschichte mal weiter: wohin soll die ganze Leistung ├╝berhaupt f├╝hren? Doch nur dazu, dass die besagten Sch├╝ler sp├Ąter dann in ebenso auslaugenden Arbeitssituationen weiterfunktionieren, m├Âglichst viel Geld verdienen, von dem sie nichts haben, weil der Druck ja nicht nachl├Ąsst und sie vielleicht die vage Chance haben als Rentner etwas von dem nachzuholen, was sie vorher nicht haben konnten. Ein lebenswertes Leben sieht f├╝r mich anders aus...

"Die ├╝berforderten Kinder Teil 1"

"Die ├╝berforderten Kinder Teil 2"

"Die ├╝berforderten Kinder Teil 3"



Friday, November 24, 2017

Aus der Filmkiste...

Soooo oft schaue ich keine italienischen Filme, aber diese beiden waren wirklich sehr unterhaltsam! Unbedingt auf Italienisch schauen - die Untertitel haben sehr geholfen! Die deutsche Synchronisation zieht bei diesen regionalen und sprachbetonten Geschichten einfach nicht gut und wirkt meiner Meinung nach k├╝nstlich und aufgesetzt.

"Benvenuti al Sud" (2010) - Claudio Bisio

italienischer Trailer

deutscher Trailer


Und die Fortsetzung:

"Benvenuti al Nord" (2012) - Claudio Bisio






Wednesday, November 22, 2017

Der Tag der angelaufenen T├Âpfe...

Warum ist es eigentlich so schwer objektiv zu bleiben? Nat├╝rlich kenne ich die Antwort, aber ich bin gelinde gesagt schockiert dar├╝ber wie sehr die eigene Bewertung der Dinge die eigene (und fremde) wahrgenommene Realit├Ąt bestimmt. Naja, eigentlich darf mich das nicht mehr wundern, denn was die Theorien angeht, kenn ich mich inzwischen aus. Nur ist es etwas anderes, wenn man diese dann auf einmal auf sich selbst anwenden muss und dabei feststellt - hoppla...man kann es SO sehen...oder genau gegenteilig. So in etwa wie bei der Rechtsprechung. Immerhin habe ich sechs Semester Jura studiert, ehe ich hingeworfen habe - aber man hatte uns bereits eingebl├Ąut, dass jeglicher Ausgang eines Prozesses grunds├Ątzlich m├Âglich ist. Grunds├Ątzlich! Und genauso ist bei der Bewertung unserer Lebenssituation.

Aber bevor ich hier philosophisch werde: vier meiner f├╝nf Sch├╝ler hatten heute abgesagt - krankheitsbedingt. Kann passieren. Immerhin ist es Herbst. Aber welchen Schluss ziehe ich? Alles schei├če! Also krame ich in meinem Kurzzeitged├Ąchtnis um noch mehr solcher Episoden an Land zu ziehen, die meine Theorie untermauern. Seit einer Woche ist Ludwig horny. Irgendein Weibchen (oder mehrere) in der Umgebung ist wohl l├Ąufig und er leidet und leidet und leidet. Stundenlang jault er uns an oder heult drau├čen wie ein Wolf. Wir gehen f├╝nfmal mit ihm raus, sechsmal, siebenmal. Nichts hilft. Nachts l├Ąsst er uns wenigstens schlafen, aber morgens ist sp├Ątestens ab sieben Uhr Ende Gel├Ąnde. Heute Morgen bekam ich einen enorm feuchten Kuss einmal mitten auf den Mund, als er neben mir am Bett auftauchte um zu verk├╝nden, dass ihm unwohl ist. Also aufgestanden, Mantel ├╝bergeworfen, im Dunklen zwei verschiedene Schuhe angezogen und M├╝tze auf den Kopf um meine expressionistische Bettfrisur zu verstecken. Kaum stehe ich so im Garten, wird mir schon klar, dass es er kein Pipi machen musste, er machte sich nicht mal die M├╝he so zu tun als ob. Nichts passierte. Absolut nichts, au├čer dass Schulkinder sinnigerweise in genau dem Moment an unserem Haus vorbei gehen, als ich erkannte, dass auch Ludwig einfach nur auf die Stra├če wollte. Also wieder ins Haus und Handy an. Absage eins und zwei und drei und vier. Das konnte ja heiter werden. Gleich wieder ins Bett? Nein, ich hatte eigentlich den Beschluss gefasst fr├╝h auf zu sein um Arbeit wegzuschaffen.

Also mache ich mich ans Geschirrsp├╝len. Eigentlich gut, dass ich jetzt schon auf den Beinen war - wieso sah ich eigentlich immer nur das Negative? Endlich hatte ich die Gelegenheit wirklich mal aufzur├Ąumen und zu putzen. Die K├╝che hatte es dringend n├Âtig. Allein schon weil tags zuvor ein Sch├╝ler die ganze untere Etage bis zum Bad hatte durchqueren m├╝ssen. Und ich hatte bewusst das Licht ausgemacht, weil ich so schnell keine Ausrede parat hatte wieso es bei uns so aussah, als h├Ątte eine Bombe eingeschlagen. Aber was war der Hintergrund gewesen? Faulheit? Nein, ich hatte tats├Ąchlich viel gearbeitet, nur eben nicht im Haushalt. Ich hatte eine Webseite ├╝bersetzt und eine Unterrichtseinheit ausgearbeitet. Alles nichts wert, wie? Der Alltag besteht nun mal nicht aus riesen Events, es sind alles Kleinigkeiten und zwar eine nach der anderen. Und die zusammen genommen ergeben einen Erfolg oder einen Misserfolg.

Und ich hatte mich beklagt dar├╝ber, dass das Auto kaputt war und es drei Wochen lang ohne hatte gehen m├╝ssen. Ich bin mit dem Bus zum Einkaufen gefahren und am Wochenende haben wir alles aufs Motorrad gepackt. Und w├Ąhrend ich das Katzenstreu, die Doppelpackung K├╝chenrolle und zwei Taschen im Fahrtwind an mich dr├╝ckte und mir leid tat, dass ich nicht all das und viel mehr ins Auto packen konnte, kam mir der Gedanke, dass eine unglaubliche Menge Menschen ausschlie├člich mit dem Bus oder zu Fu├č die Eink├Ąufe erledigen muss. Und zwar immer. Was also war das Problem? Zumal das Auto inzwischen vollrepariert abgeholt werden konnte und seitdem besser f├Ąhrt denn je!

Und dann regte ich mich ├╝ber einige meiner Kollegen auf. Naja, Kollegen im weitesten Sinne. Also Menschen, die ihre Sprache unterrichten. Darunter sind einige, die sind so deutsch, dass es mir zum Halse wieder herauskam. Deutsch im Sinne von besserwisserisch, im Sinne von unentspannt, Paragrafentreue, Scheuklappendenken und im Sinne von gnadenlos unsympathisch. Sie wollten Grundsatzdiskussionen starten, die uns ├╝berhaupt nicht betrafen. Stop! Stop! Was hatte ich denn eigentlich mit denen zu tun? Wieso regte ich mich ├╝berhaupt auf? Wieso sah ich stattdessen nicht zu, dass ich mich darum bem├╝he ein anderes Bild von "deutsch" zu vermitteln. "Wir brauchen dich! Du bist deutsch genug um uns eine Struktur zu geben", meinte meine eine Sch├╝lerin am Wochenende, die um jeden Preis versucht ihre Kollegen im Schwimmzentrum zu einem Sprachkurs zu ├╝berreden. "Die m├╝ssen dringend Englisch lernen und wir brauchen jemanden, der uns bei unseren internationalen Events hilft und die sprachlichen Aspekte koordiniert. Ich habe ihnen deine Visitenkarten gegeben!"

"Sei la persona giusta!" schrieb mir gestern ein Musikproduzent, der irgendwie ├╝ber mehrere Ecke von mir geh├Ârt hatte und wusste, dass ich mit vielen Bands schon zusammengearbeitet hatte. Meine erste Reaktion war, dass ich ihm den Zahn erstmal ziehen wollte. Wollte ihm erkl├Ąren, dass ich eigentlich nichts taugte, dass ich von nichts eine Ahnung hatte und er sich um Himmelswillen nicht auf mein K├Ânnen verlassen sollte, denn - Stooooop! Stop! Stop! Auch das war wieder so typisch. Wer ehrlich ist, gibt zu, dass er sich immer mal wieder fragt was er da eigentlich tut. Und wie lange es dauern wird bis alle dahinter kommen, dass er eigentlich total inkompetent ist. Das nennt sich "Impostor Syndrome" und wird allgemein als Qualit├Ątsmerkmal verstanden. Fakt ist doch: niemand ist perfekt - tadaaaaaa - aber nicht nur das, man muss sich trotz der Schw├Ąchen wieder in die Arena begeben und das tun, was man allem Selbstzweifel zum Trotz dennoch am besten kann. Die anderen sind schlie├člich auch nicht perfekt. Gerade vor drei Tagen sa├č ich in einem deutschen Webinar und die Veranstalterin sprach ein zentrales Wort so gnadenlos verkehrt aus - und das laufend! - dass ich - ganz Lehrerin - tats├Ąchlich noch w├Ąhrend des Seminars eine Mail geschrieben habe, mit dem Hinweis, dass das besagte Wort in dieser bestimmten Art auszusprechen sei (aus Gr├╝nden der Anonymit├Ąt schreibe ich jetzt nicht worum es gegangen war). Und wenn sie trotz dieser Vernachl├Ąssigung rund 500€ mit diesem Webinar eingenommen hatte, dann durfte ich mich auch hinstellen und mit Fug und Recht behaupten, dass ich auf den verschiedenen Sektoren, f├╝r die ich in diesen Tagen engagiert worden bin, als Experte auftreten konnte, sei es bei meinen didaktischen Pr├Ąsentationen, bei externen Sprachkursen oder als Lyrics Supervisor.

Und f├╝r all diese Dinge hatte ich heute ├╝berraschenderweise Zeit, gerade weil vier Sch├╝ler abgesagt hatten. Und nicht nur das: ich war auch mit Ludwig in der Sonne am Fluss gelaufen, hatte eine v├Âllig ver├Ąngstigte Ratte vor unserer Katze Tino gerettet, in eine Kiste gepackt und weit weg auf unserem Terreno ausgesetzt, hatte von der Nachbarin einen Kuchen geschenkt bekommen und im Baumarkt einen tollen Werkzeugkasten gekauft. Und schlussendlich tats├Ąchlich drei Stunden darauf verbracht die angelaufenen T├Âpfe mit dem Putzstein zu bearbeiten. Allein daf├╝r hat sich der Tag schon gelohnt...




Monday, November 6, 2017

Friday, October 20, 2017

Parallelleben...

Nanu? Fast einen Monat lang schon keinen Beitrag mehr geschrieben? Das liegt genau an dem Thema, ├╝ber das ich heute schreiben m├Âchte. Seit diversen Monaten hatte ich das Gef├╝hl, dass sich jetzt im Herbst etwas tun w├╝rde, etwas Gro├čes. Beweise daf├╝r habe ich nicht; es ist nur ein unbestimmtes Bauchgef├╝hl, aber mein Instinkt ist etwas, dem ich gelernt habe relativ blind zu vertrauen.

Trotz vieler Bem├╝hungen war ich im Sommer immer wieder etwas frustriert. So richtig in die Puschen kam ich mit meinen Projekten nicht, und die Tatsache, dass Ludwig seine Anf├Ąlle hatte, hat auch alles andere als geholfen. Aber wie man ja wei├č, soll man Krisen als Chancen nehmen um etwas weitreichend zu ver├Ąndern und sich vor allen Dingen auch selbst zu ver├Ąndern. Ich habe die Gelegenheit genutzt um mich kopf├╝ber ins Lernen zu st├╝rzen. Ich habe immer schon gerne gelernt, aber seitdem ich die M├Âglichkeit gefunden habe an zig Onlineseminaren teilzunehmen, hat sich mein privates Studium zu einem Halbtagsjob entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, w├╝rde ich sogar ausreichend Interesse haben um von morgens bis abends nur zu lernen. So viele spannende Dinge, die ich bislang nicht gewusst habe, oder aber fr├╝her nur angerissen hatte. Kaum habe ich ein Seminar nach einigen Wochen abgeschlossen, flattern mir die n├Ąchsten Vorschl├Ąge ins Haus und ich sehe schon, dass mich das Selbststudium auch das ganze n├Ąchste Jahr ├╝ber begleiten muss, wenn ich auch nur ansatzweise die Chance haben will, all das zu lernen, was ich mir vorgenommen habe. Und gr├Â├čere Projekte sind dabei noch gar nicht einkalkuliert. Auch habe ich vollst├Ąndig meine Sprachen vernachl├Ąssigt und der Umstand, dass ich dieses Jahr in beiden L├Ąndern bin/war, deren Sprachen ich eigentlich lerne (Frankreich, Niederlande), stimmt mich doch etwas traurig. Auch Sprachen w├╝rde ich gerne in Vollzeit lernen. Aber dazu br├Ąuchte ich schon ein komplettes Parallelleben.

Spreche ich vom Kochen. Bis vor wenigen Jahren hatte ich auf dem Gebiet wirklich so gar keine Erfahrung. Erst seitdem wir beruflich in Genua sind, sah ich mich gezwungen das vollst├Ąndige Kochen zu ├╝bernehmen. Das Witzige daran war: ich wollte immer kochen! Ich hatte mir zig B├╝cher gekauft, Rezepte aus Zeitschriften ausgerissen und habe mich schon immer f├╝r Zutaten und Vorratshaltung interessiert. Seitdem hat sich wirklich sehr viel getan und ich bin froh, dass ich dieses Jahr zum ersten Mal auch Pralinen und verschiedene Eissorten hergestellt habe. Ich habe auch meine Pizza-Variationen laufend erweitert und w├╝rde gerne noch viel mehr Zutaten zu verwenden wissen. Manchmal finde ich Rezepte, die mich wirklich inspirieren. Und dann finde ich Zutaten, an die ich vielleicht noch nie gedacht habe. Und dann juckt es mir in den Fingern um die Sache weiterzuverfolgen. Aber auch Kochen und Backen kostet Zeit. Und teuer ist es auch, gerade wenn man au├čergew├Âhnliche Dinge zaubern oder sich zumindest eine Reihe an interessanten Zutaten zulegen m├Âchte. Kochen tu ich sowieso jeden Tag zweimal und das seit nunmehr vier Jahren. Aber inzwischen kam noch etwas hinzu: seit gut sechs Wochen koche ich auch jeden Tag zweimal f├╝r Ludwig. Sicher war es einfacher als es genug war ihm einfach nur sein Trockenfutter in die Sch├╝ssel zu geben und sich darauf zu beschr├Ąnken nur mal ab und an Fleisch mit Reis zu machen.

Seitdem er im M├Ąrz die epileptischen Anf├Ąlle hatte, waren wir mehrfach zum Umdenken gezwungen. Wir haben nach allen m├Âglichen Ursachen geforscht, das Dosenfutter, eine Allergie, eine bestimmte T├Ątigkeit, Mondphasen, er hatte weiterhin Anf├Ąlle und bislang haben wir rund 3000€ f├╝r dieses Problem ausgegeben, von Tierarztkosten ├╝ber Laboranalysen bis hin zum MRT und der Medizin, die er seit Mai nimmt. Es ver├Ąndert den Alltag, wenn der Hund dreimal am Tag eine Medizin einnehmen muss und nicht mehr alleine bleiben kann. Und das Schlimmste daran ist der Umstand, dass sich absolut nichts ge├Ąndert hat - trotz der Medizin. Hier kommt ins Spiel, dass ich meine eigenen Ansichten zum Thema Gesundheit habe und Fakt ist, dass ich mich lange gegen die starken Medikamente gewehrt hatte. Am Ende hatte ich nachgegeben und wollte mich auch bereiterkl├Ąren, vielleicht daneben gelegen zu haben. Aber was war? Die Medikamente haben absolut nichts erreicht und die Anf├Ąlle gingen munter weiter. Das brachte mich zur├╝ck zu meinen Theorien. Was w├Ąre wenn...

Seitdem habe ich es mir zum Ziel gemacht meinen Hund anfallsfrei zu bekommen. K├Ârperlich ist er kerngesund, auch im Gehirn haben sie nichts gefunden, es muss daher etwas ├äu├čeres sein. Sicher, dass kein Tierarzt mir darin zugestimmt h├Ątte, aber man hatte mir in der Vergangenheit auch schon schulmedizinische Ideen zum Thema Augen und Allergien versucht zu vermitteln, die ich f├╝r mich widerlegen konnte. Von einer extrem starken Nahrungsmittelallergie, Stauballergie, Pollenallergie und Tierhaarallergie ├╝ber 15 Jahre hinweg, bin ich seit nun mehr als zehn Jahren komplett frei von Allergien. Ein medizinisches Wunder nannten sie mich und ich habe laut gelacht. Und die Augen? Vor einen Monat habe ich einen Sehtest machen lassen und seitdem schwarz auf wei├č, dass sich meine Augen in den letzten 2 Jahren um ├╝ber 1 Dioptrien verbessert haben. Schon wieder ein medizinisches Wunder? F├╝r Schulmediziner sicher ja. Aber ich will auch keine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen, Fakt ist nur, dass ich oftmals anderer Meinung bin und meine Ideen entwickle ich nur auf einer gewissen Logik, die ich sehe, basierend und f├╝r die es auch diverse Anh├Ąnger gibt. Kurz und gut, ich glaube nicht daran, dass mein Hund krank ist. Seine Anf├Ąlle werden das Ergebnis von schlechten Entscheidungen sein und neben den Ideen, die wir schon hatten (Dosenfutter und Auslecken von Dosen...), wei├č ich, dass es Theorien ├╝ber Hundeanf├Ąlle und Ern├Ąhrung gibt. "Das hat damit nichts zu tun", sagen unsere Tier├Ąrzte. Aber die konnten Ludwig nun ja auch nicht helfen, also erlaube ich mir nun meine Theorie zu testen. Seit sechs Wochen koche ich f├╝r ihn jeden Tag frisch, Gem├╝se, Fleisch, Kartoffeln...Cibo casalingo nennt sich das hier in Italien und ich bin zum Lernen verschiedenen Gruppen beigetreten, die ausschlie├člich f├╝r ihre Hunde kochen und auf jegliches Industriefutter verzichten.

Was soll ich sagen, wir haben heute genau einen Monat anfallsfrei! Das ist uns eine Feier wert! Und nicht nur das - sogar der Tierarzt musste zugeben, dass Ludwig v├Âllig ver├Ąndert ist: er ist wach, schnell, lebendig, unsere t├Ągliche Tour von knapp 40 Minuten schaffen wir seit einigen Wochen in 30 Minuten. Nachts schl├Ąft er durch und er muss viel weniger raus als fr├╝her, um seine Bed├╝rfnisse zu erledigen. Unser Hund ist wieder zur├╝ck! Er hat nichts mehr gemein mit dem Wrack, was wir den Sommer ├╝ber gepflegt haben, wacklig auf den Beinen, unmotiviert, nerv├Âs. Und das motiviert mich nat├╝rlich mich schon am Morgen als erstes an das Zubereiten seines Essens zu machen. Sicherlich aber ist es auch zeitintensiv und ich bin noch dabei ein etwas effizienteres Verfahren zu entwickeln um das Kochen mit weniger Aufwand zu erreichen. Es sei denn andere Personen w├╝rden mir jegliche andere Arbeiten abnehmen - dann k├Ânnte ich mich auch Vollzeit mit dem Kochen und Backen f├╝r Hund, Haus und Hof besch├Ąftigen.

Nat├╝rlich habe ich auch noch offiziell einen Beruf. Mein ganzes Lernen flie├čt in Wissen, was ich beruflich nutzen kann und will. Mit aller Kraft arbeite ich daran meine Stunden und Lektionen immer weiter zu verfeinern. Jeder neue Sch├╝ler, jedes neue Seminar pusht mich immer mehr zu lernen und immer mehr zu machen. Drei Vortr├Ąge soll ich dieses Jahr noch halten, ein Radiointerview auf Italienisch soll dabei sein, mein Immigrationsprojekt f├╝r Italiener in Deutschland habe ich zwischendurch noch gestartet und mein erstes Webinar habe ich auch vor Kurzem gehalten. Von allen Seiten wurden Stimmen laut, ich sollte doch mal Videos machen. Erst wollte ich nicht - Zeitaufwand, Technikaufwand - aber am Ende gab ich nach. Ich fing an Videos f├╝r Facebook zu machen, die innerhalb von wenigen Stunden auf Hunderte von Views kamen und am Ende startete ich nun auch meinen eigenen YouTube-Kanal. Was soll ich sagen, seitdem ich gelernt habe meine Videos zu bearbeiten, k├Ânnte ich ebenfalls in Vollzeit drehen und hochladen, drehen und hochladen. Wenn ich nicht noch lernen, unterrichten, kochen m├╝sste und auch keinen Haushalt h├Ątte, w├╝rde ich das sofort tun, denn es macht auch noch richtig Spa├č. Leider machen mir aber auch all die anderen Sachen Spa├č.

Und was ist das Ergebnis? Ich zeige gl├╝cklicherweise eine Disziplin, die mir fr├╝her immer abgegangen ist. Ich schiebe nicht mehr auf, ich warte nicht mehr ab, ich klotze jetzt hauptberuflich ran um meine verschiedenen Vollzeitleben irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Privatleben? Was ist das? Seit Wochen schon habe ich niemanden mehr einfach so getroffen, ich habe auch keine Filme mehr geschaut, ich war in keinen Gesch├Ąften (au├čer im Baumarkt f├╝r die Renovierung und im Supermarkt f├╝r den Einkauf), habe kein privates Buch mehr gelesen, nat├╝rlich war ich auch nie am Strand oder sa├č einfach mal so in der Sonne. Ich stehe auf, klotze ran und gehe ins Bett. Und das an sieben Tagen die Woche.

Wohin es f├╝hren wird? Keine Ahnung, ich hoffe einfach, dass mein Instinkt mich auch diesmal nicht tr├╝gt und dass all die Arbeit, all die Hindernisse, all der Frust und all die Disziplin den Weg ebnen zum Start eines rundherum neuen Kapitels. Ein Bootcamp sozusagen, aber eines, das sehr auf mich zugeschnitten ist und mich zur H├Âchstform auflaufen l├Ąsst...



Monday, September 25, 2017

Eindr├╝cke einer Nachwandernden...

Viiiiel passiert gerade in diesen Tagen. Das Problem mit Ludwigs Anf├Ąllen haben wir noch immer nicht gel├Âst. Er ist resistent gegen die Medikamente, die er seit einem halben Jahr einnimmt und reagiert auch noch allergisch auf das erste Mittel. was bedeutet, dass er sich im Minutentakt am ganzen K├Ârper kratzt und bei├čt. Was es bedeutet das Haus nicht verlassen zu k├Ânnen und t├Ąglich mit einem neuen Anfall zu rechnen, das versteht vermutlich nur jemand, der in der gleichen Situation ist wie wir. Ich bin in einer Gruppe der Halter von Hunden mit epileptischen Anf├Ąllen und ich kann sagen, dass es nicht sch├Ân ist. Bei vielen anderen wirken die Medikamente ebenfalls nicht und gerade heute schrieb eine Hundemutter, dass ihr Baby im September bereits 18 Anf├Ąlle gehabt hat. Es ist ein Alptraum, man ist wie gefangen in einem Fegefeuer. Aber dies ist ein Thema f├╝r sich. Wir sind inzwischen halbwegs ├╝berzeugt davon, dass eine Nahrungsmittelallergie der Ausl├Âser allen ├ťbels ist und dass diese auf die vielen Jahre des Industriefutters zur├╝ckzuf├╝hren ist, das Ludwig bis heute konsumiert hat. Seit rund einem Monat koche ich f├╝r ihn frisch - zweimal t├Ąglich - nach Ideen der Alimentazione Casalingo - Hausmannskost. Wieso ich das Thema auf Italienisch verfolge ist recht einfach: die Zutaten, die ich kaufe und die Rezepte, die ich nachkoche und mit anderen Betroffenen diskutiere, sind auf Italienisch. Auch mit unserem Tierarzt diskutiere ich die Problematik auf Italienisch. Und damit ist es einfacher f├╝r mich gleich auf Italienisch zu bleiben.

Auch die Wildschweinproblematik ist noch nicht gel├Âst. Seit einer Woche ist die Jagd auf die Wildschweine offiziell er├Âffnet, und ich stehe dazu, dass mich das freut, selbst wo ich mich als Animalista bezeichne und es mir um die individuellen Schweine leid tut. Aber ich kann den Lebensraum nicht mit ihnen teilen. An manchen Abenden laufen sie schon gegen 21 Uhr vor unserem Haus auf und ab. Und sie sind gro├č. Mit einigen Ebern gab es schon unerfreuliche Zusammentreffen und sobald es dunkel wird, geht man nicht mehr einfach so zum Auto oder zum M├╝ll. Man schaut mehrfach in alle Richtungen, ehe man sich schnell auf den Weg macht. Und sie sind ├╝berall. Manchmal alleine, manchmal mit ganzen Herden. Sie haben in Massen Z├Ąune, G├Ąrten und Ernten zerst├Ârt, sie haben einen Hund im Ort get├Âtet und sie sind einfach eine Gefahr im Zusammenleben.

Seitdem wir im Dunkel nicht mehr auf die Stra├če k├Ânnen, fahren wir gegen Mitternacht hinunter zu den Superm├Ąrkten, um dort unsere letzte Gassirunde des Tages am Fluss zu drehen. Vom Parkplatz zur Bushaltestelle, ├╝ber die Stra├če, an der Pizzeria vorbei bis zu den geparkten LKWs, zur Ampel, wieder zur├╝ck, die Stra├če hoch bis zur Kurve und wieder zur├╝ck zum Auto. Und das jeden Abend. Manchmal v├Âllig verzweifelt, wenn Ludwig mal wieder einen Anfall gehabt hat. Und manchmal sehr optimistisch, wenn sich viele gute Dinge ereignet haben. Manchmal liegt ein Mann auf der Bank an der Bushaltestelle. Manchmal warten Jugendliche auf den Nachtbus. Manchmal dreht ein Mann mit seinem kl├Ąffenden Miniaturhund seine Runden. Die Aushilfen im Supermarkt fahren mit ihren Paletten ├╝ber den dunklen Parkplatz. Am Schlachthof steht manchmal das Tor auf, so dass man sich am Automaten einen Kaffee ziehen kann. Der 24h-Automatenbereich an der Stra├če hingegen ist versperrt und leer. Davor l├Ądt das Rote Kreuz sein Auto mit einem Kabel auf. Manchmal stehen die Sanit├Ąter mit einem Kaffee dabei. Die Bankfiliale nebenan ist seit mehreren Wochen verlassen, dennoch brennt jeden Abend Licht im Inneren. Offenbar macht sich niemand die M├╝he es auszuschalten. Im kleinen Hof davor liegen umgest├╝rzte Pflanzenk├╝bel.

Die Au├čenwand der Bar neben dem Supermarkt weist gro├če Risse auf. ├ťber drei Abende hinweg stand gleich daneben eine leere RedBull-Dose, ohne dass sie jemand weggeworfen h├Ątte. Ein Schwarzer kommt jeden Abend mit 2 Trolleys an und durchw├╝hlt alle M├╝llcontainer nach Interessantem. Eine kurze, dicke Frau geht t├Ąglich gegen 0:30 zu Fu├č den ganzen Weg nach oben in den Ort. Dabei telefoniert sie ├╝ber die ganze Strecke hinweg. Wieso sie nicht den Nachtbus nimmt, ist mir schleierhaft. Bis zu zwei LKWs sind am Fluss geparkt. Manchmal liegen Essensreste auf dem B├╝rgersteig, wenn die Fahrer schon in ihren Kabinen schlafen. Die Plakate an den W├Ąnden daneben ├Ąndern sich alle paar Wochen. Mal wurde ein Abendkurs zum Bauzeichner angeboten, mal Karaokeabende, mal eine Dinosaurierausstellung oder eine "Stille Disko". Ein Konzertabend, eine Sprachenschule, ein Hinweis auf eine King-Kong-Show, jetzt ein Abend mit Pr├Ąsentationen zu verschiedenen Berufen. Daneben zwei offen stehende Sicherungsk├Ąsten. Manchmal gehen wir bis zur Ampel und dann auf der Flussseite zur├╝ck. Manchmal laufen Wildschweine im trockenen Flussbett.

In der Pizzeria ist oft schon alles dunkel. Hin und wieder wird noch abgerechnet oder in der K├╝che geputzt. Wenn Ludwig den Kopf hereinstreckt hei├čt es "Ciao Bello!" und dann gehen alle wieder ihrer Arbeit nach. Sobald wir am ersten Mehrfamilienhaus vorbeikommen, schaue ich, ob es neue, interessante Werbeprospekte gibt, denn bei uns oben werden diese nicht verteilt. Im n├Ąchsten Mehrfamilienhaus brennt meist nur noch in einer Etage Licht. Jemand hat dort eine furchtbare Gl├╝hbirne von der Decke h├Ąngen und ab und an sieht man eine Person am Fenster auf einen Handybildschirm schauen. Die K├╝che nebenan hat noch viel scheu├člicheres Licht - eiskalt und gr├╝nlich. Wie man so wohnen kann, ist mir schleierhaft. Am Parkplatz selbst ist ein Kommen und Gehen. Viele parken hier ihre Autos um dann gemeinsam irgendwelchen abendlichen Unternehmungen in der Innenstadt zu fr├Ânen. Wir sind nie dabei, wir schauen nur zu. Denn am Abend sind wir so m├╝de, dass wir gar nicht mehr auf die Idee k├Ąmen noch etwas jenseits der letzten Gassitour zu unternehmen.

Es ist eine Welt f├╝r sich, die bei unseren n├Ąchtlichen Touren. Fast geheimnisvoll und ruhig. Und tags├╝ber ist hier high life, nie w├╝rde man den Ort im Hellen wiedererkennen. Nachts geh├Ârt er uns allein und auch wenn wir ihn aus der Not heraus aufsuchen, weil man bei uns oben vor den Wildschweinen nicht mehr sicher ist - die t├Ągliche Nachtwanderung hast fast etwas Meditatives...



Thursday, September 14, 2017

Der lange Weg nach Norden III

...Es zog sich dann doch noch etwas bis zur Grenze, aber wenigstens war es noch hell, als wir nach Deutschland einfahren wollten. Wenn man uns denn gelassen h├Ątte! Das Spiel kannten wir schon - Mannschaften zogen durch unsere Reihen und diesmal schien man sich einige Reisende genauer anzuschauen. Und selbst als alle kontrolliert waren, konnten wir noch immer nicht weiter fahren. Diesmal gab es keine Durchsage des Fahrers, diesmal kam er selbst nach oben und er hatte einen Trolley in der Hand: "Wem geh├Ârt der?! Ich sag's gleich - wenn sich keiner outet, dann passiert das Gleiche wie in Como! Also letzte Chance!" Egal wie, es gab sich niemand als Besitzer zu erkennen. Entnervt verschwand der Fahrer wieder nach unten und dann tat sich lange Zeit einfach gar nichts. Schlie├člich sah ich die alte Inderin, die aus dem Bus gebracht wurde. Sie gestikulierte wild und offenbar versuchte man sich zu verst├Ąndigen, aber so richtig gelang das wohl nicht. Der Fahrer kam wieder hinauf zu uns: "Also - die Passagierin da drau├čen, deren Fahrt hier endet, die sagt irgendwer hier an Bord w├╝rde ihre Sprache sprechen! Wer hat mit ihr gesprochen?" Niemand regte sich. Irgendwann fiel dem einen Italiener etwas ein, und zwar, dass man ihn gebeten hatte darauf zu achten, dass die Frau in Frankfurt auch aussteigen w├╝rde. Er meldete sich, aber sagte gleich, dass er keine Ahnung h├Ątte wer die Frau denn sei und auch nicht was sie in Frankfurt wollte.

Egal, das gen├╝gte um ihn ebenfalls aus dem Bus zu holen. Drau├čen gestikulierten inzwischen immer mehr Menschen um die Wette - wobei ich mich frage in welchen Sprachen; sogar ein Japaner stand dabei -  andere rauchten oder rannten zur Zolltoilette. Zu allem ├ťberfluss wurde es langsam dunkel! Als der Fahrer schlie├člich seine Schafe wieder einfing und in den Bus trieb, war weit ├╝ber eine Stunde vergangen! Wir rumpelten ├╝ber die Grenze und von jetzt an war die H├Ąlfte von uns am schlafen und die andere H├Ąlfte telefonierte in allen Sprachen um Abholende zu informieren oder Z├╝ge umzubuchen.

Gegen 22 Uhr - nach sage und schreibe 10 Stunden an Bord - fuhren wir schlie├člich zu unserem ersten deutschen Halt in Freiburg. Hier verlie├č uns unser Fahrer und w├╝nschte uns Gl├╝ck f├╝r die weitere Reise. Ein Frischer wurde hinters Steuer gesetzt und erkl├Ąrte schnell, dass wir so sp├Ąt seien, dass bitte niemand den Bus verl├Ąsst, so dass wir ohne weitere Verz├Âgerungen weiterfahren konnten. Nach wenigen Minuten aber kam erneut eine Durchsage, es ginge jetzt doch noch nicht weiter, denn es g├Ąbe noch eine Polizeikontrolle. Hinten rasteten einige langsam aus - wir waren jetzt innerhalb von 10 Stunden bereits dreimal kontrolliert worden, was zur H├Âlle war denn jetzt noch?!!

Wieder mussten wir alle unsere Ausweise vorzeigen und wieder hatte man es auf einige Passagiere abgesehen. Auch mein Sitznachbar war dabei. Er sprach kein Deutsch und wurde dann auf Englisch verh├Ârt. Was er in Deutschland tun wollte und wo er wohnen w├╝rde und wo genau er herk├Ąme. Seine carta d'identit├á wurde von allen Seiten beleuchtet und seine Ausweisnummer per Telefon ├╝berpr├╝ft. Als die Kontrolle nach gut 15 Minuten vorbei war, lagen die Nerven blank. "Jetzt hatte ich wirklich Schiss!" ergab sich nach ├╝ber 10 Stunden der Sitznachbarschaft das erste Gespr├Ąch zwischen uns. Seine in Frankfurt wartenden Eltern wurden gleich ├╝ber den Zwischenfall informiert und ich, die ich gleich daneben gesessen hatte, war glatt mit aufgeregt gewesen.

Jetzt konnte es aber ja nicht mehr lange dauern. V├Âllig ohne Orientierung schoben wir uns im Bus weiter Richtung Norden...

Eigentlich h├Ątten wir gegen 23 Uhr ankommen sollen. Das war nicht m├Âglich, soviel war allen klar. Wobei niemand richtig durchblickte war, wie viel Versp├Ątung wir tats├Ąchlich hatten. Ebenfalls unbekannt war mir, in wie vielen St├Ądten wir ├╝berhaupt noch halten w├╝rden. Ich h├Ârte was von Mannheim, tats├Ąchlich hielten wir aber in Heidelberg, Mannheim und Darmstadt, ehe wir endlich um 2 Uhr morgens mit sage und schreibe drei Stunden Versp├Ątung in Frankfurt einfuhren. Selten hatte ich mich jemals so gefreut das Lichtermeer der Metropole zu sehen!

17 Stunden Trip und davon 13 Stunden ohne Toilette und 7 Stunden ohne jegliche Bewegung! Ich h├Ątte stolzer auf mich kaum sein k├Ânnen! Sicher, man war m├╝de, man war welk, man war steif, aber alles in allem war es ein spannendes Abenteuer, was ich sicherlich wiederholen werde...



Wednesday, September 13, 2017

Der lange Weg nach Norden II

...Richtig, bislang war alles glatt verlaufen, gar kein Problem. Freudig n├Ąherte ich mich der Schweizer Grenze - war das aufregend! Bei Como war Italien schon zu Ende und eine stattliche Mannschaft Grenzpolizei marschierte zwischen unseren Reihen auf und ab. Zum ersten Mal konnte ich meinen schicken neuen Ausweis vorzeigen, den im Scheckkartenformat. Ich bestand damit auch sofort und konnte ihn wieder einstecken. Dennoch standen wir erstaunlich lange auf dem Seitenstreifen. Ein weiterer Flixbus ├╝berholte uns schon. Was hatten die, was wir nicht hatten?!

Es kam noch schlimmer. Irgendwann wurde der Motor angeworfen, aber wir fuhren nicht vorw├Ąrts, sondern r├╝ckw├Ąrts. Um genau zu sein fuhren wir in eine Haltebucht, aus der man nicht so leicht abhauen konnte. Was war denn jetzt los?! Es kam die Durchsage des Fahrers: "So, alle aussteigen, jeder nimmt sein Gep├Ąck aus dem Laderaum und stellt sich in einer Reihe drau├čen auf!" Es dauerte, bis ein Doppeldecker geleert war und mit ihm auch jeder sein Gep├Ąck zur Hand hatte. Als w├Ąre das nicht genug, brach von jetzt auf gleich ein Platzregen los. Wie ein aufgescheuchtes Kaninchen sprang ich mit meinem Koffer, der Tasche und dem Sack voller Proviant unter das Dach in eine L├╝cke zwischen zwei anderen Reisenden. Wir bildeten zwei saubere Reihen und standen uns etwas irritiert aber stramm gegen├╝ber. Hinter uns wurden reihenweise die Fahrzeuge vorbeigewinkt, deren Passanten uns teils lange nachstarrten. Ja starrt ihr nur, bei uns war es wenigstens spannend!!

Ein Zollhund tat seine Arbeit, wobei wir nicht wussten, worauf er dressiert war. Meine Schinkensandwiches fand er sofort, aber das h├Ątte mein Hund auch ohne Ausbildung gekonnt! Offenbar suchte er doch etwas anderes. "Hoffentlich geht es hier um Drogen und nicht um Sprengstoff", fand ich mich im Gespr├Ąch mit meiner Stehnachbarin wieder. Ich hatte ihr erst auf italienisch geantwortet, sie bliebt aber bei Englisch und am Akzent fand ich schnell raus, dass sie Deutsche sein musste. Es ist allerdings auch peinlich nach mehreren Minuten auf einmal die Sprache zu wechseln, also ging es munter auf Englisch weiter und ich erkl├Ąrte ihr, dass sie keinerlei Angst haben musste vor dem Hund, selbst dann nicht wenn sie Drogen oder anderes in ihrem Gep├Ąck hatte. Angst mussten eher die beiden Amerikaner haben, die weggef├╝hrt wurden. Sie verschwanden mit dem Hund und mehreren Zollbeamten in einer Kabine und wir anderen konnten uns dann wieder ans Einladen der Koffer machen. "Wie schon in Mailand - wir gehen der St├Ądte nach vor! Erst Frankfurt!" meinte der Busfahrer und knappe 45 Minuten sp├Ąter waren wir dann doch wieder auf dem Weg nach Norden. Ach ja - die Amerikaner kamen im letztem Moment doch noch in den Bus zur├╝ck und konnten ihre Reise mit uns fortsetzen...

Die Landschaft sah schon sehr interessant aus! Offenbar vermieden wir jegliche l├Ąngere Tunnel und kurvten damit auch einige sehr abenteuerliche Stra├čen hinauf und wieder hinab. Es gab viel zu sehen! Zu viel um es ├╝berhaupt auf Zelluloid bannen zu k├Ânnen. Das war etwas, was man am besten einfach live anschaute. Als die Stra├čen langsam ├Âder wurden und es noch dazu auch regnete, widmeten sich die Fahrg├Ąste langsam wieder ihren eigenen Besch├Ąftigungen. Ich hatte einen Haufen Zeugs dabei - etwas zu arbeiten, einen Sachtext zu lesen, einen Brief zu schreiben und Filme auf dem Laptop. Diszipliniert wie ich nun einmal bin, nahm ich mir erstmal den Sachtext zur Hand. Grund genug f├╝r meinen Sitznachbarn ein sehr dickes und sehr farbloses Physikbuch zur Optik herauszuholen. Nach einigen Minuten entschied ich mich dann aber dennoch f├╝r einen Film auf dem Laptop. Immerhin auf Italienisch, das galt also fast schon als Arbeit! Mein Sitznachbar seufzte und schaute dann die meiste Zeit mit auf meinen Bildschirm, selbst wenn er ohne Ton nichts h├Âren konnte. Spannender als das, was er da zu lernen versuchte, war es allemal. Gerade weil man keinen Ton h├Ârte, gab ich mir auch besondere M├╝he meine extrem leckeren Maiskekse von Grancereale so ger├Ąuschlos wie m├Âglich zu knabbern. Was wiederum meinen Sitznachbarn dazu verf├╝hrte seine Pringles herauszuholen. So eine Reisesituation hat schon etwas f├╝r sich. Im Leben nicht h├Ątte ich mir vorstellen k├Ânnen, dass ich die Sekunden z├Ąhlen w├╝rde, die zwischen dem Herausnehmen eines Pringles und dessen Knurpsen liegen. Mein Sitznachbar schaffte es, mindestens f├╝nf Sekunden zu warten ehe er auf dem Chips herumbiss - offenbar wollte er ihn zur Ger├Ąuschminderung erst einmal einweichen...

Wir wechselten dennoch kein Wort miteinander. Stumm a├čen wir unser ger├Ąuschvolles Proviant und versuchten uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Als ich mich zwang meinen Text zur Consumer Neuroscience zu lesen - und zu verstehen - war auch mein Sitzbachbar wieder an seinen Physikaufgaben und tauschte deren Ergebnisse mit Kommilitonen via WhatsApp aus. Langsam hatte man das Gef├╝hl sich schon seit Ewigkeiten zu kennen. Immerhin sa├čen wir ja auch schon seit 6 Stunden Arsch an Arsch...

In Z├╝rich machten wir eine l├Ąngere Pause, um uns die Beine zu vertreten. Nach all den Stunden, die inzwischen vergangen waren, wollte ich nun mal schauen, ob im Gegensatz zum ersten Bus die Toilette diesmal zu verwenden war. Nun - die T├╝r ging auf - ja - allerdings gab es kein Licht. Die Vorstellung in dieser dunklen Kabine in der Gr├Â├če eines Sarges eventuell eingesperrt zu sein, war nicht berauschend. Und so zog ich vor gar nicht zu gehen. Ich hatte auch keine Schweizer Franken, sonst h├Ątte ich mir im Umkreis etwas gesucht, was aber auch vielleicht nicht gut gewesen w├Ąre. Laut fluchend kamen die Reisenden der Bank hinter mir von Starbucks zur├╝ck. 8€ h├Ątten sie f├╝r eine popelige Schokolade plus Toilette bezahlt, niiiiie wieder...niiiie wieder! Ein Gl├╝ck, dass ich am Bus geblieben war...

Aber halb so wild, die Deutsche Grenze war sicher nicht mehr weit...



Saturday, September 2, 2017

Der lange Weg nach Norden I

Ich gebe es unumwunden zu: nach 8 Jahren h├Ąngt mir der Flug Pisa-Hahn zum Halse raus. Anfangs war es noch spannend, und es war auch sch├Ân einen vertrauten Trip zu machen. Aber ich glaube, ich bin die Strecke bestimmt schon hundert Mal geflogen und immer allein. Es schreit also f├Ârmlich nach dem Bedarf an Alternativen. Erst hatte ich Bergamo aufgetan. Das ist etwa so weit wie Pisa und war mal etwas Neues. Aber nachdem Ryanair bei meinem diesmaligen Trip wahre Unsummen von mir verlangen wollte, war dies keine Option mehr.

Was f├╝r ein Gl├╝ck, dass ich nur wenige Tage zuvor einen Flixbus an meiner Stammtankstelle hatte stehen sehen. Busse! Die gab es ja auch noch! Verschiedene Strecken in Erw├Ągung gezogen und schlie├člich nannte ich f├╝r schlappe 40 Euro ein Ticket von Genua nach Frankfurt mein eigen.Ich fand es sogar richtiggehend aufregend mal eine Bustour zu machen, bei der man doch endlich mal hautnah erleben konnte, wie viel Strecke man wirklich die 800km hoch nach Norden zur├╝ck legt.

Um 8 Uhr irgendwas schlie├člich zog ich meinen Trolley in Genua Piazza Principe zu meinem ersten Bus nach Mailand. Wir fuhren p├╝nktlich ab, der USB-Stecker in der Wand funktionierte, die Klimaanlange verwandelte knappe 30 in k├╝hle 23 Grad. Okay, die Toilette war abgeschlossen, aber zwei Stunden lang w├╝rde ich es auch ohne aushalten. Gar kein Problem. Neben mir schnarchte bald ein Koreaner, w├Ąhrend ich mir die Landschaft anschaute. Und auf die Minute p├╝nktlich fuhren wir gut gelaunt in den Mail├Ąnder Busbahnhof ein.

Wo war die Toilette?? Einfach dem Strom nach! Bald stand ich in einer ├Ąu├čerst starren Schlange in der Bar an. "Muss man hier was kaufen?" fragte mich die Frau vor mir. "Beh, non lo so!" meinte ich und hoffte, dass ich nicht erst noch einen unn├Âtigen Kaffee w├╝rde herunterkippen m├╝ssen um dann mit dem Bon Zutritt zur Toilette zu erhalten. Nein, so war es auch nicht - die Schlage war so elend langsam, weil es nur eine einzige Toilette gab und einige darin so furchtbar lange brauchten. Eine Gruppe ziemlich erwachsener Pfadfinder, die offenbar drau├čen geschlafen hatten, f├╝llten einer nach dem anderen ihre Trinkflaschen am Sp├╝lbecken. Das h├Ątte ich jetzt nicht getan, aber ich hatte eh sehr gut vorgesorgt!

Vielleicht sogar ein wenig zu gut. Nachdem ich endlich den dringenden Punkt erledigt hatte, konnte ich mich meinem Proviant widmen. Was packt man f├╝r 15 Stunden Trip ein? Offenbar viel zu viel, denn ich hatte insgesamt 4,5L Wasser dabei, 2 Packungen Kekse, ein Glas Wein im Tetrapack und 4 Vollkornsandwiches, von denen eines mit Erdnussbutter war und der Rest mit Senf, K├Ąse und Schinken belegt. Das Essen im Freien war so eine Sache. Erst belagerten mich Schwarze, die Ware aller Art loswerden wollten und dann eine mindestens genauso l├Ąstige Biene. Irgendwann gab ich auf und suchte stattdessen meinen Bus Richtung Deutschland.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie gro├č das Streckennetz dieser Fernbusse inzwischen war. Die Pfadfinder wollten nach Lyon, eine gr├Â├čere Menge Asiaten nach Venedig. Mein vorheriger Bus fuhr zur├╝ck nach Genua. Auch nach Rom startete bald einer und ├╝berhaupt waren die Bussteige bis auf den letzten Zentimeter voller Menschen.

"Ach Mannnnnnn, da kommen wir ja nie problemlos rein", h├Ârte ich pl├Âtzlich eine n├Âlende Stimme in Zeitlupe neben mir sagen. "Komm, dann setzen wir uns erstmal wieder in die Sonne", antwortete eine weibliche Stimme im gleichen tranigen Tonfall. Sofort f├╝hlte ich allergische Erscheinungen. Gut, wir standen alle unter Stress, insgesamt war es nicht einfach sich in diesem Gedr├Ąnge zurecht zu finden. Unser Busfahrer machte sich an die elende Aufgabe in 3 Sprachen durchzugeben, dass er die Koffer nach St├Ądten sortieren wollte. Von allen Seiten wurden ihm Gep├Ąckst├╝cke nach oben gereicht - ob ├╝berhaupt jeder verstanden hatte um was es ging, war dabei eine andere Sache. Eine - vermutlich indische - Frau von - vermutlich - 80 wurde einem Italiener in Obhut gegeben. Sie w├╝rde kein Italienisch k├Ânnen, und ob er vielleicht ein Auge darauf werfen w├╝rde, dass sie in Frankfurt aussteigt? "Frankfurt ist die Endhaltestelle, aber gut, ich achte drauf", kam zur├╝ck. Alle schoben. "Ihr seid nicht besser als Schafe", beschwerte sich ein Mann an der T├╝r. "Meint ihr, ihr verpasst was, wenn ihr nicht als Erste in den Bus kommt?!" Das Schieben ging unaufhaltsam weiter. Wir hatten alle ein Ticket, aber der Herdendrang kann eben doch alle Vernunft ├╝berschatten. Schlie├člich sa├č ich auch und zwar da, wo ich nicht sitzen wollte: oben, am Fenster und ohne Steckdose! Wenigstens sa├č man gut. Man konnte viel sehen. Jetzt konnte die Fahrt losgehen...



Wednesday, August 16, 2017

Anmeldarsi...

Was f├╝r ein Wort? Ja, richtig gelesen: anmeldarsi. Diese italienische Wortsch├Âpfung lief mir neulich ├╝ber den Weg als ich Unterhaltungen von Italienern in Deutschland verfolgte. Und was soll das sein? Eine Mischung aus dem deutschen Verb "sich anmelden" und der italienischen Grammatik eines reflexiven Verbs, bei dem man ein "si" an den Infinitiv h├Ąngt, wo man im Deutschen ein "sich..." stehen hat.

Die besagte Unterhaltung hatte ihren Ausl├Âser in der resoluten Kritik einiger Italiener, die sich beklagten, dass anmeldarsi einfach kein Wort sei und es hie├če gef├Ąlligst "registrarsi" und wieso ein Wort erfinden, wo die Sprache doch schon eines hat. Es folgten Ausfl├╝ge in Lobeshymnen auf die italienische Sprache, die beste und sch├Ânste ├╝berhaupt und eine Spaltung der Teilnehmer in Gegner und Bef├╝rworter der Sprachsch├Âpfung.

Als Linguist musste ich mich sofort einschalten in die Diskussion. Fakt ist, dass Sprache nie statisch ist, sondern sich kontinuierlich ver├Ąndert, indem sie benutzt wird. Alte Begriffe fallen weg, sei es weil ein neuer Begriff praktischer ist oder weil die Situationen, die sie beschreiben, nicht mehr vorkommen. Und ebenso kommen neue Situationen, f├╝r die man keine Ausdr├╝cke hat, so dass man entweder neue W├Ârter entwickelt oder aber von anderen Sprachen ├╝bernimmt, die diese Situation bereits beschreiben k├Ânnen oder mitgebracht haben. Das sehen wir auch an Begriffen zu Gegenst├Ąnden wie Kleidung oder Lebensmitteln, die es vorher im eigenen Kulturkreis nicht gegeben hat. Dazu muss man auch gar nicht auf Naheliegendes schauen wie "Spaghetti", auch Joghurt ist nicht deutsch, ebenso Pfirsich nicht. Je l├Ąnger ein Wort in der Sprache ist, desto weniger sieht man ihm an, dass es vorher noch nicht da war.

Man kann sich gegen solche Ver├Ąnderungen wehren, aber es bringt nicht viel, denn Sprachwandel ist ein nat├╝rlicher Prozess, der stattgefunden hat, seitdem es Sprache gibt und kein Duden wird ihn je aufhalten k├Ânnen.

Was anmeldarsi angeht, verstehe ich nat├╝rlich den Unmut einiger Italiener, die von Sprachverfall sprechen und sich ├Ąrgern, wieso ein neues Kunstwort verwendet wird, wo man doch auch in der eigenen Sprache einen passenden Begriff hat. Theoretisch ja. Kulturell gesehen gibt es jedoch Unterschiede. Registrarsi kann alles M├Âgliche sein, was eine Anmeldung verlangt. Anmeldarsi hingegen verstehe ich als Schritt in Deutschland offiziell seinen Wohnort anzumelden, was geschichtlich gesehen m├Âglicherweise sp├Ąter einmal von kultureller Wichtigkeit sein kann. Tausende junger Italiener verlassen in diesen Jahren das Land, viele unfreiwillig und aus rein ├Âkonomischen Gr├╝nden. Anmeldarsi wird damit nicht nur zum Vorgang des sich Anmeldens, sondern auch zum Begriff der Emigration und Integration in eine neue Kultur, der f├╝r vielleicht die H├Ąlfte f├╝r Hoffnung steht und f├╝r die andere H├Ąlfte f├╝r Exil und Entwurzelung.

Vom kulturellen Faktor mal abgesehen: der Begriff anmeldarsi wird nur von Italienern im deutschsprachigen Raum benutzt und verstanden. Wenn das mit immer mehr Begriffen geschieht, haben wir Sprachwandel vom feinsten, der nachvollziehen l├Ąsst, wie beispielsweise Dialekte funktionieren oder selbst, wie sich unz├Ąhlige heutige Sprachen auf die gleiche Ursprache zur├╝ckverfolgen lassen. Gruppen spalten sich ab und entwickeln eine neue Art sich auszudr├╝cken. Daher unsere Sprachenvielfalt. Dagegen gestr├Ąubt wird sich immer mal. Auch im englischsprachigen Raum gibt es eine Bewegung, die versucht ausschlie├člich germanische Begriffe zu verwenden. Oft wird diese "Anglish" genannt und sie haben es nicht so einfach, denn auch wenn das Englische noch immer zu den germanischen Sprachen geh├Ârt, sind nur rund ein Viertel der heute verwendeten W├Ârter germanischen Ursprungs. ├ťber die H├Ąlfte kommt aus dem Romanischen, haupts├Ąchlich Latein und Franz├Âsisch. Und die meisten Sprecher machen sich dar├╝ber logischerweise keinen einzigen Gedanken, denn die Sprache ist wie sie nun einmal gerade gesprochen wird.

Auch anmeldarsi k├Ânnte irgendwann offiziell dazu geh├Âren. Immerhin wird es sauber konjugiert, man sagt "mi sono anmeldato" und spricht von "L'anmeldung". V├Âllig korrekt, das alles. Und ich nehme mich da gar nicht aus. In unserem Haushalt werden auch Sprachen fr├Âhlich gemixt, meistens Mischformen aus dem Italienischen und dem Englischen. Wir sagen beispielsweise "Cosa watchiamo stasera?" wenn es um einen Filmabend geht oder "Quando shoppiamo?" wenn wir einkaufen m├╝ssen. Es mag dem ein oder anderen Sprachpuristen sauer aufsto├čen, denn wir reden aus reiner Faulheit so und nicht, weil das andere Wort irgendwie geeigneter w├Ąre. Allerdings ist uns noch sehr bewusst, welches Wort zu welcher Sprache geh├Ârt und all dies findet ausschlie├člich in den eigenen vier W├Ąnden statt.

Dennoch sehe ich es so, dass die Sprachrichtigkeit in der Komplexit├Ąt der angewendeten Ausdr├╝cke besteht. Wir reduzieren oder vereinfachen nichts, wie man es oft beim Radebrechen erlebt, wenn Artikel oder Pr├Ąpositionen einfach weggelassen werden oder Endungen fehlen. Wir mixen einfach W├Ârter aus verschiedenen Quellen, so wie es auch bei anmeldarsi geschieht. Auch die Italiener haben solche Mischformen schon anerkannt, die im Alltag eine Rolle spielen: cliccare, taggare, um nur zwei zu nennen...



Tuesday, August 1, 2017

Werft doch mal einen Blick auf diesen Blog...

...von Julia von "Italien und Ich", die von ihrem aufregenden Leben in S├╝ditalien berichtet. Julia arbeitet in Bari als freiberufliche Texterin und ├ťbersetzerin und ist damit wie ich dem Schreiben ebenso verfallen wie den Sprachen. Wer sich einen Eindruck vom Leben einer Deutschen in Apulien verschaffen will, dem lege ich "Italien und Ich" dringend ans Herz! Ihr findet viele kulturelle Hinweise, aber auch sprachliche, sowie jede Menge pers├Ânlicher Erfahrungen:

http://www.italienundich.com/

Es gibt auch einen Gastbeitrag meinerseits zum Thema "├ťberleben im Stra├čenverkehr":

http://www.italienundich.com/blog/2017/08/01/survival-guide-strassenverkehr-italien/



Thursday, July 13, 2017

Nachtwache...

Manchmal muss man arg die Z├Ąhne zusammenbei├čen. Und jetzt ist mal wieder so eine Zeit. Ludwig hat trotz Medikamenten noch immer epileptische Anf├Ąlle und vorgestern gab es davon gleich zwei. Seitdem war ich gezwungen jeden Unterricht und alle Aktivit├Ąten au├čer Haus abzusagen, weil ich ihn nicht alleine lassen kann. Ich kann auch nicht zum Einkaufen fahren, weil ich ihn dann alleine im Auto lassen m├╝sste. Ich kann auch niemanden ins Haus lassen, zumindest niemanden, der das Problem nicht am eigenen Leib erlebt hat. Also bleibe ich zu Hause, achte darauf, dass keine Kabel auf dem Boden liegen, dass keine St├╝hle im Weg stehen und das nichts Zerbrechliches auf den Tischen steht. Denn von jetzt auf gleich kann er einen Anfall haben, f├Ąllt dann steif auf den Boden, hat Kr├Ąmpfe, liegt im Urin, sch├Ąumt aus dem Maul und dann rudert er wild mit allen Armen und Beinen. Dabei dr├╝ckt er M├Âbel weg, wirft St├╝hle um oder schl├Ągt mit Kopf oder Pfoten gegen harte Ecken.

Seitdem er das Medikament nimmt, ist er im Anschluss nicht mehr orientierungslos. Er bleibt meistens erstarrt liegen, wacht dann irgendwann auf und ist dann k├Ârperlich wieder fit. Zumindest im Vergleich zu vorher, wo er typischerweise noch eine halbe Stunde lang wild hechelnd durch die Gegend gelaufen ist und dabei auch das ganze Haus schmutzig gemacht hat. Dennoch ist noch keine L├Âsung da; die Anf├Ąlle kommen regelm├Ą├čig, rund 20 seit M├Ąrz. Jetzt hat er ein neues Medikament dazubekommen. Es wird nicht garantiert, dass es funktioniert und nach allem was ich mitbekommen habe, glaube ich auch nicht daran, dass es funktioniert. ├ťber die Krankheit ist im Grunde nichts bekannt und ich habe mit Diagnosen eh so meine Probleme. Meiner Meinung nach ist das Problem simpel und die Ursache m├╝sste festgestellt werden - nicht starke Medikamente gegen den unbekannten Feind gegeben werden.

So oder so ist das Problem da und schr├Ąnkt uns alle massiv ein. Nicht nur Arbeitsausfall ist die Folge, wir halten auch Nachtwache auf dem Sofa. Seit zwei Tagen. Denn wenn es wieder passiert, m├╝ssen wir zur Stelle sein.

Zu allem ├ťberfluss sind wir auch von Wildschweinen ├╝berrannt worden. Sobald es dunkel ist, bev├Âlkern sie die Stra├čen. Lange vorbei die Zeiten, in denen man um Mitternacht noch mal eben eine Runde ums Haus machen konnte. Vorgestern rief mich meine bessere H├Ąlfte gegen 22 Uhr an. Ich sollte ihn und Ludwig mit dem Auto abholen kommen, sie seien umzingeln und k├Ânnten nicht nach Hause. Dabei waren sie nur gut 100m weit weg. Ich lief sofort nach drau├čen und als ich das Auto die Auffahrt hochfahre, treffen die Scheinwerfer auf einen riesigen Eber auf dem B├╝rgersteig, der mich stoisch anschaut und dann laut grunzt. Ihm folgen mindestens drei weitere, etwas kleinere Erwachsene und dann eine Schar Frischlinge. In der Kurve steht meine bessere H├Ąlfte mit Hund und einigen Nachbarn. Viele Autos fahren, die Wildschweine mittendrin. Wir fahren weiter Richtung Stadt und gehen unsere inzwischen neue obligatorische Sp├Ątabendrunde im Gewerbegebiet. Hier wurden bislang eher tags├╝ber Wildschweine gesichtet, aber man k├Ânnte sie im Zweifelsfall von Weitem schon sehen. Und wenn wir wieder nach Hause kommen, fahren wir vorsichtig auf den Parkplatz, einer geht vor und checkt die Lage und erst wenn die Luft rein ist, darf Ludwig aus dem Auto. Es ist nicht einfach ein dunkelgraues Wildschwein in einer dunklen Nacht zu erkennen, gerade wenn es sich nicht bewegt.

An den letzten beiden Abenden, wo wir sowieso schon mit Epilepsie und Frustration zu k├Ąmpfen hatten, war jedes Mal kein Wildschwein zu sehen, wenn wir mit dem Auto ankamen. Jedoch dauerte es beide Male nur maximal f├╝nf Minuten, bis wir die Nachbarshunde hysterisch bellen h├Ârten. Das ist das Zeichen, dass die Schweine wieder unterwegs sind. Auf allen Wegen grasen sie ab, was sie bekommen k├Ânnen. Sie w├╝hlen in der Erde, rei├čen Pflanzen heraus und fressen laut schmatzend das Obst, das von den B├Ąumen f├Ąllt. Sie sind ├╝berall und h├Ątten wir das hohe Gartentor nicht, k├Ąmen sie bis an die Haust├╝r. Jurassic Park l├Ąsst gr├╝├čen! Wir sind belagert und ich frage mich wo die Tage hin sind, an denen man einfach ganz normal leben konnte, ohne Anf├Ąlle und ohne Belagerung und ohne Nachtwachen auf dem Sofa, in denen man bei jedem Laut sofort aufspringt. Wo man auch mal das Haus verlassen konnte, sei es um zu arbeiten oder irgendwo etwas trinken zu gehen.

Ich nutze meine Ausgangssperre und meinen Arbeitsausfall f├╝r Fernseminare an amerikanischen Unis. Ich habe Psychologie, P├Ądagogik und Neurobiologie belegt und habe meine Konzentrationsf├Ąhigkeit auf Knopfdruck enorm schulen k├Ânnen. Ich werde regelm├Ą├čig unterbrochen und muss den Hund immer im Blick haben, aber mir gelingt es immer wieder schnell ins Lernen zu kommen. Und ich bastel an neuen Projekten, in der Hoffnung, dass es bald wieder aufw├Ąrts geht...