Thursday, July 13, 2017

Nachtwache...

Manchmal muss man arg die Zähne zusammenbeißen. Und jetzt ist mal wieder so eine Zeit. Ludwig hat trotz Medikamenten noch immer epileptische Anfälle und vorgestern gab es davon gleich zwei. Seitdem war ich gezwungen jeden Unterricht und alle Aktivitäten außer Haus abzusagen, weil ich ihn nicht alleine lassen kann. Ich kann auch nicht zum Einkaufen fahren, weil ich ihn dann alleine im Auto lassen müsste. Ich kann auch niemanden ins Haus lassen, zumindest niemanden, der das Problem nicht am eigenen Leib erlebt hat. Also bleibe ich zu Hause, achte darauf, dass keine Kabel auf dem Boden liegen, dass keine Stühle im Weg stehen und das nichts Zerbrechliches auf den Tischen steht. Denn von jetzt auf gleich kann er einen Anfall haben, fällt dann steif auf den Boden, hat Krämpfe, liegt im Urin, schäumt aus dem Maul und dann rudert er wild mit allen Armen und Beinen. Dabei drückt er Möbel weg, wirft Stühle um oder schlägt mit Kopf oder Pfoten gegen harte Ecken.

Seitdem er das Medikament nimmt, ist er im Anschluss nicht mehr orientierungslos. Er bleibt meistens erstarrt liegen, wacht dann irgendwann auf und ist dann körperlich wieder fit. Zumindest im Vergleich zu vorher, wo er typischerweise noch eine halbe Stunde lang wild hechelnd durch die Gegend gelaufen ist und dabei auch das ganze Haus schmutzig gemacht hat. Dennoch ist noch keine Lösung da; die Anfälle kommen regelmäßig, rund 20 seit März. Jetzt hat er ein neues Medikament dazubekommen. Es wird nicht garantiert, dass es funktioniert und nach allem was ich mitbekommen habe, glaube ich auch nicht daran, dass es funktioniert. Über die Krankheit ist im Grunde nichts bekannt und ich habe mit Diagnosen eh so meine Probleme. Meiner Meinung nach ist das Problem simpel und die Ursache müsste festgestellt werden - nicht starke Medikamente gegen den unbekannten Feind gegeben werden.

So oder so ist das Problem da und schränkt uns alle massiv ein. Nicht nur Arbeitsausfall ist die Folge, wir halten auch Nachtwache auf dem Sofa. Seit zwei Tagen. Denn wenn es wieder passiert, müssen wir zur Stelle sein.

Zu allem Überfluss sind wir auch von Wildschweinen überrannt worden. Sobald es dunkel ist, bevölkern sie die Straßen. Lange vorbei die Zeiten, in denen man um Mitternacht noch mal eben eine Runde ums Haus machen konnte. Vorgestern rief mich meine bessere Hälfte gegen 22 Uhr an. Ich sollte ihn und Ludwig mit dem Auto abholen kommen, sie seien umzingeln und könnten nicht nach Hause. Dabei waren sie nur gut 100m weit weg. Ich lief sofort nach draußen und als ich das Auto die Auffahrt hochfahre, treffen die Scheinwerfer auf einen riesigen Eber auf dem Bürgersteig, der mich stoisch anschaut und dann laut grunzt. Ihm folgen mindestens drei weitere, etwas kleinere Erwachsene und dann eine Schar Frischlinge. In der Kurve steht meine bessere Hälfte mit Hund und einigen Nachbarn. Viele Autos fahren, die Wildschweine mittendrin. Wir fahren weiter Richtung Stadt und gehen unsere inzwischen neue obligatorische Spätabendrunde im Gewerbegebiet. Hier wurden bislang eher tagsüber Wildschweine gesichtet, aber man könnte sie im Zweifelsfall von Weitem schon sehen. Und wenn wir wieder nach Hause kommen, fahren wir vorsichtig auf den Parkplatz, einer geht vor und checkt die Lage und erst wenn die Luft rein ist, darf Ludwig aus dem Auto. Es ist nicht einfach ein dunkelgraues Wildschwein in einer dunklen Nacht zu erkennen, gerade wenn es sich nicht bewegt.

An den letzten beiden Abenden, wo wir sowieso schon mit Epilepsie und Frustration zu kämpfen hatten, war jedes Mal kein Wildschwein zu sehen, wenn wir mit dem Auto ankamen. Jedoch dauerte es beide Male nur maximal fünf Minuten, bis wir die Nachbarshunde hysterisch bellen hörten. Das ist das Zeichen, dass die Schweine wieder unterwegs sind. Auf allen Wegen grasen sie ab, was sie bekommen können. Sie wühlen in der Erde, reißen Pflanzen heraus und fressen laut schmatzend das Obst, das von den Bäumen fällt. Sie sind überall und hätten wir das hohe Gartentor nicht, kämen sie bis an die Haustür. Jurassic Park lässt grüßen! Wir sind belagert und ich frage mich wo die Tage hin sind, an denen man einfach ganz normal leben konnte, ohne Anfälle und ohne Belagerung und ohne Nachtwachen auf dem Sofa, in denen man bei jedem Laut sofort aufspringt. Wo man auch mal das Haus verlassen konnte, sei es um zu arbeiten oder irgendwo etwas trinken zu gehen.

Ich nutze meine Ausgangssperre und meinen Arbeitsausfall für Fernseminare an amerikanischen Unis. Ich habe Psychologie, Pädagogik und Neurobiologie belegt und habe meine Konzentrationsfähigkeit auf Knopfdruck enorm schulen können. Ich werde regelmäßig unterbrochen und muss den Hund immer im Blick haben, aber mir gelingt es immer wieder schnell ins Lernen zu kommen. Und ich bastel an neuen Projekten, in der Hoffnung, dass es bald wieder aufwärts geht...



Wednesday, June 28, 2017

Deutsche im Ausland e.V. - Jetzt bin ich auch vertreten...

Deutsche im Ausland e.V. - ein toller Verein, der mit vielen Informationen Deutschen im Ausland weiterhilft. Wer darüber nachdenkt auszuwandern, sollte dieser Seite einen Besuch abstatten. Es gibt auch jede Menge Erfahrungsberichte von Auswanderern aus aller Welt.

Ab heute bin ich auch mit Italien vertreten:

https://www.deutsche-im-ausland.org/im-ausland-leben-und-arbeiten/leben-im-ausland/erfahrungsberichte/italien-lehrerin.html



Neues Interview auf Bloggerherz

Kennt ihr schon die Seite Bloggerherz.de? Schaut doch mal rein, hier kommen Blogger zu allen möglichen Themen zusammen.

Ich danke Christian Gera für das sympathische Interview! 😄

http://www.bloggerherz.de/2017/06/28/blogger-interview-38-bloggerherz-trifft-catherine-von-expatriateintuscany/


Sunday, June 25, 2017

Interview zum Thema: Italienische Männer...

Mit Dank und besten Grüßen an Maike Brenner für dieses spaßige Skype-Interview!



Südländische Männer gelten ja schon seit langem als absoluter Traum nordischer Frauen. Was macht deiner Meinung nach ihr Reiz aus?

Das kann ich dir leider gar nicht beantworten, denn sie haben nie zu meinem Beuteschema gehört!


Nein, was für eine Überraschung, das macht mich jetzt mehr als neugierig! Also für einen feurigen Latin-Lover konntest du dich nie begeistern?

Das stimmt. Ich weiß aber natürlich, dass sich viele Frauen von diesem Typus Mann angezogen fühlen und ich möchte auch mal behaupten, dass das vielfach der Grund ist, wenn Frauen nach Italien gehen, sei es im Urlaub oder auch fürs Auswandern.


Du bist dann aber auch für einen Italiener ausgewandert.

So formuliert hört es sich jetzt ungewohnt an, auch wenn es faktisch stimmt. Zumindest kannte ich den besagten Italiener seit fast fünf Jahren und führte vier Jahre lang eine Fernbeziehung mit ihm. Ich hatte ihn also schon auf Herz und Nieren getestet.


Warum ausgerechnet dieser Italiener?

Weil ich mich in ihn verliebt habe. Aber nicht, weil er Italiener war, sondern weil er war wie er war bzw heute noch ist wie er ist. Dass er Italiener ist, ist ja nicht sein Hauptmerkmal. Mich überrascht es manchmal noch selbst, wenn ich so darüber nachdenke. Aber ich bin ja auch nach Italien gezogen, ohne jemals italophil gewesen zu sein, dann passt also auch, dass ich einen Italiener liebe, ohne Italiener zu lieben.


Du magst die Italiener nicht?

Nein, das kam jetzt ungeschickt rüber. Ich hatte Italiener nie als Beuteschema, so meine ich das. Deswegen wundert es mich nicht, dass ich genau deswegen einen Italiener liebe. Ich bin auch in Italien sehr glücklich, ohne es vorher als Sehnsuchtsland gehabt zu haben. Deswegen bin ich ohne jede Erwartungen umgezogen. Genauso bin ich in die Beziehung gegangen ohne klischeehafte Romantik und Leidenschaft zu erwarten.


Was macht deinen so besonders?

Als Italiener oder als Mann?


Beides.

Nun, er ist einfach mein bester Freund. Wir hatten keine Beziehung im Sinn als wir uns kennengelernt haben und verstanden uns einfach über Monate hinweg sehr gut. Da wir auch gemeinsam an einem Projekt gearbeitet haben, lernten wir uns in der Zeit recht gut kennen und haben am Ende stundenlang gechattet, bis wir erkannten, dass das so nicht weiter gehen konnte. Ich glaube als wir zum ersten Mal darüber gesprochen haben, hatten wir über eine Woche lang jeden Tag diverse Stunden AM STÜCK gechattet. Das hat unseren Alltag komplett auf den Kopf gestellt und irgendwann mussten wir uns der Frage stellen, was das jetzt alles für uns bedeutete.


Das leitet perfekt zu meiner nächsten Frage über: wie habt ihr euch kennengelernt?

Er gehörte zu einer italienischen Band, die ich damals - 2008 - viel gehört habe. Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat, den Kontakt zu suchen, aber irgendwas hat mich damals irgendwie sehr in diese Richtung gepusht und ich kam über Fan-Foren schließlich zu MySpace, was damals noch in voller Blüte stand. Ich hatte zu vielen anderen Fans Kontakt und überraschenderweise schließlich auch zur Band. Das hätte ich damals nicht erwartet. Der Austausch war sehr positiv, auch wenn er der letzte der Gruppe war, den ich wagte anzuschreiben.


Das ist ja mal eine Story! Was war so beeindruckend an ihm?

Ich kann es gar nicht genau sagen. Er schien mir unglaublich wach zu sein, sehr intelligent, sehr direkt. Das hat mich am Anfang eingeschüchtert, bis mir andere Fans sagten, dass er sehr zugänglich und nett sei. Und nach einigen Wochen hab ich mich schließlich getraut ihm tatsächlich zu schreiben. Und dann wurd es erst richtig verrückt.


Nein, wie spannend!!

Er schrieb mir, dass er mal einen Song mit meinem Namen geschrieben hätte und ich die erste Person mit diesem Namen sei, die er tatsächlich kennenlernt. Damals wusste ich noch nicht, dass das für ihn tatsächlich noch viel weiter ging. Es ging da um die ideale Liebe und weil er nicht daran glaubte, hatte er nach einem Namen gesucht, mit dem er niemanden im echten Leben kannte, damit sich niemand in seiner Umgebung angesprochen fühlen sollte. Und dass ich dann so hieß, hat sofort seine Aufmerksamkeit geweckt. So kamen wir ins Gespräch.


Das ist ja schon fast klischeehafte Romantik! Wie in einem Märchen! Und dennoch wolltest du keinen Latin Lover?

Ach nein, so romantisch war das nicht, denn wir haben zu keiner Zeit geflirtet. Außerdem war er damals noch verheiratet. Es war ein sehr freundschaftlicher Austausch, der dann in Berufliches überging, als er dann irgendwann wusste, dass ich Englischlehrer bin und mich dann gefragt hat ob ich seine neuen Songtexte korrigieren würde. Das führte dann zu noch mehr Austausch, bei dem wir uns dann auch über die persönlichen Inhalte der Songs ausgiebig unterhalten haben und dann sollte ich noch einen Erzählerteil für das Album sprechen und am Ende war ich richtig Teil der Produktion. Das war für mich als unbekannte Person von weit weg natürlich der absolute Wahnsinn. So war es dann auch logisch, dass ich bald darauf zu einem Konzert nach Italien geflogen bin und so nahm das alles dann seinen Lauf.


Also für mich hört sich das an wie Romantik pur! Deutscher Fan trifft italienischen Rockstar und jetzt leben sie zusammen, das ist nicht das, was man jeden Tag erlebt. Das könnte auch eine Geschichte aus einem Teenie-Magazin sein, die unrealistische Erwartungen in den Lesern weckt. Und wenn jemand das wirklich erlebt - und dann auch noch mit einem Latin Lover - das klingt nach Märchen pur! Daraus könnten wir glatt mehrere Interviews machen. Kommen wir nochmal auf den italienischen Aspekt zu sprechen. Gab es interkulturelle Hürden, bzw. gibt es viele kulturelle Unterschiede zwischen euch und wenn ja, wo genau?

Eigentlich nicht wirklich. Ich glaube, wenn wir uns nicht so ähnlich wären, könnten wir gar nicht so entspannt zusammen leben. Ich glaube, wir treffen uns irgendwo in der Mitte zwischen den Kulturen. Ich bin nicht so arg deutsch was Stereotype angeht und er ist auch nicht so sehr typisch italienisch. Es gibt natürlich so einige Merkmale, die typisch italienisch sind. Der caffé ist ihm sehr wichtig, genauso wird er ganz pienzig, wenn mal kein Brot im Haus sein sollte. Zum Thema Brot habe ich auch schon einige Blogeinträge geschrieben, weil das wirklich ein running gag ist, wenn ich mit Italienern zu tun habe. Für jemanden, der aus dem Land mit den meisten Brotsorten kommt, ist das lustig zu sehen, was in Italien für ein Geschiss ums Brot gemacht wird. Ich könnte z.B. auch ganz ohne Brot gut leben. Und den caffé trinkt er zu Hause und dann muss er dennoch einen weiteren in einer Bar nehmen; ich glaube das ist in seiner DNA verankert. Und er ist auch extrem auf italienische Nahrung fixiert und zieht italienische Gerichte allen anderen vor. Am Anfang hat er immer gekocht, inzwischen koche ausschließlich ich.


Und die Mamma?

Ja, das ist auch so ein Thema für sich. Mit einem Mammone könnte ich nicht zusammen leben, ich glaube, das hätte unsere Beziehung schnell ruiniert. Wir haben allerdings ein ganzes Jahr lang mit den Schwiegereltern unter einem Dach in einem Haushalt gelebt und ich sage mal, da kamen auf einmal Dinge hoch, die kamen voll aus der Klischeekiste und waren nur schwerlich zu ertragen. Über das Jahr könnte ich ein Buch schreiben, wir haben alle ziemlich gelitten. Im Nachhinein war es dennoch kulturell sehr interessant. Aber: nie wieder! Meine Schwiegermutter fing nach fünf Jahren an jedes Vorurteil zu bestätigen und mein Partner verwandelte sich in einen aufmüpfigen Teenager, der zickig auf die Mutter reagiert, sich aber nicht wirklich wehrt. Das war eine Seite an ihm, die mir neu war.


Das hört sich brisant an! Was ist denn da vorgefallen?

Nun sie hat sich in alle Angelegenheiten eingemischt, den kompletten Haushalt an sich gerissen, die Einrichtung bestimmt und was gegessen wurde und es verging kaum ein Tag an dem nicht der Haussegen schief hing. Sie kam schon mal nachts in unser Schlafzimmer gelaufen um das Fenster zu schließen und hat in der Küche alle Dinge willkürlich in Schubladen und Schränke gepackt, Essen, Geschirr, Mülltüten, Kreuze, Zettel, Nähmaterial, alles wild durcheinander. Niemand hat mehr durchgeblickt, nicht einmal sie. Eine Weile lang habe ich hartnäckig nachts wieder für Ordnung gesorgt und sie im Laufe des Tages alles wieder verstreut, aber der Krieg ließ sich nicht aufrecht erhalten.


Das ist ja ein Alptraum! Unterscheiden sich italienische Schwiegermütter sehr von deutschen?

Mit deutschen Schwiegermüttern habe ich nicht viel Erfahrung, das kann ich leider nicht vergleichen. Die italienische Schwiegermutter ist meiner Erfahrung nach aber besonders verschrien, gerade wenn der Sohnemann auch noch sehr an ihr hängt, was jetzt bei uns nicht der Fall ist. Aber es war auch in meinem Fall übel genug - im Nachhinein allerdings finde ich das alles auch sehr unterhaltsam. Es ist ja vorbei. Inzwischen verstehen wir uns auch wieder richtig gut. Alle sind einfach nur erleichtert, dass sich unsere Wege getrennt haben. Wenn wir uns jetzt sehen, ist es ja nur zum Besuch. Außerdem schreibt mir meine Schwiegermutter jetzt immer nette Nachrichten auf WhatsApp und wünscht sich Fotos von uns und den Tieren. Da kann ich also nicht klagen.


Hätte sich deine Schwiegermutter eine italienische Frau für ihren Sohn gewünscht?

Anfangs schon. Ich bin nicht die erste ausländische Schwiegertocher, die sie haben und es hatte viele Probleme vor mir gegeben, auch schon was die geografische Distanz anging und eine Italienerin hätte in ihren Augen mehr Stabilität bedeutet. Aber sie haben mich nie abgelehnt. Im Gegenteil, gerade in den ersten Jahren bin ich bei jedem Besuch zu Verwandten und Bekannten geschleppt worden um denen vorgestellt zu werden. Manchmal gibt es die eine oder andere Spitze gegen Deutsche, aber das ist humorvoll gemeint.


Ein gutes Stichwort - die Großfamilie. Welche Rolle spielt sie bei euch?

Mein Partner ist jemand, der sich gerne zurückzieht und seine Ruhe hat. Um die Großfamilie macht er einen Bogen und sucht auch nicht den Kontakt zu den unmittelbaren Verwandten. Wir haben mehrere Jahre lang Santa Lucia im Dezember mit der Großfamilie gefeiert und im August noch einmal Ferragosto und damit hatte es sich. Gerade als ich noch kaum Italienisch konnte, waren diese Familienereignisse immer sehr anstrengend für mich. Heute kann ich mich mit allen unterhalten, aber ich bin auch jemand, der sich gerne zurückzieht, deswegen bin ich heilfroh, dass wir immer unter uns sind - gerade seitdem wir nach Ligurien gezogen sind und damit 100km weit weg von der Großsippe.


Also ein ruhiger, eher introvertierter Italiener, der nicht eng mit der Mutter ist und Familientreffen aus dem Weg geht. Entspricht er denn wenigstens optisch dem Klischee?

Nur bedingt. Er ist über 1,90m groß und hat blaue Augen.


Das klingt alles in allem nach einer ausgewogenen Mischung aus typischen und untypischen Aspekten. Was war denn das Romantischste, was er bisher gemacht hat?

Ich würde jetzt gerne behaupten es sei der Song, den er damals geschrieben hat, aber das war ja viele Jahre vor meiner Zeit. Er hat mir später sogar tatsächlich einen Song geschrieben, hat dies aber nicht an die große Glocke gehängt. Das Romantischste war glaube ich der Verlobungsring nach drei Monaten Beziehung. Uns war gleich von Anfang an klar, dass wir eine richtig gute Konstellation zusammen sind. Wir hatten sehr viele externe Hürden zu überstehen, aber sind intern seit über acht Jahren krisenfrei.


Dann drücke ich die Daumen, dass es genau so weitergeht und ihr bald die langersehnte Hochzeit angehen könnt!









Friday, June 23, 2017

Es grunzt auf dem nächsten Level...

Wir haben ein Problem! Ein Wildschweinproblem! Alles nicht neu, ich weiß. Aber es tangiert uns inzwischen richtig. Und zwar nicht nur uns persönlich, sondern mehr oder minder die ganze Stadt. Und nicht nur hier.

Das Thema Wildschweine kam erst vor gut zwei Jahren auf, anfangs hörte ich nur mal, dass Wildschweine in den Wäldern gesichtet worden seien und Hundehalter sollten aufpassen. Der eine oder andere konnte dann mal eine eigene Sichtung ergänzen und eines Abends hörte ich lautes Grunzen aus dem Wald, während ich mit meinem Hundi eine späte Runde gedreht habe, weshalb ich mich fühlte wie in Jurassic Park und dann rannte, was das Zeug hielt.

Seitdem hat sich viel getan. Nicht nur, dass die Wildschweine inzwischen zum dritten Mal unsere Obstbäume auf dem Terreno völlig zerstört haben, dort von der hohen Mauer springen und dann wühlen. was das Zeug hält. Der Nachbar zählte vor einigen Wochen vierundzwanzig (24!) Schweine auf unserem Gelände, die wohl eine Art Party feierten. Deswegen haben wir das Terreno nie mehr betreten, sobald es dunkel war. Auf Facebook wurden dann immer häufiger Warnmeldungen geschrieben, wenn jemand aktuelle Sichtungen auf der Straße benennen konnte, meistens in der Art von "Achtung, soundsoviele Wildschweine auf der Via xyz um 22 Uhr. Sie liefen Richtung Sportplatz".

Nach und nach kamen auch Fotos. Nicht aus den Nächten, nein, mitten am Tag. Wildschweine im Fluss mitten in der Stadt, Wildschweine auf den Schulhöfen, Wildschweine zwischen den Mülltonnen, Wildschweine auf den Parkplätzen, Wildschweine überall. Langsam kamen die ersten Klagen zusammen: Sie zerstören die Zäune, sie zerstören die Ernte, einen Hund haben sie hier auch getötet! Und so wurde das Thema langsam zu einem öffentlichen.

Inzwischen ist es so weit, dass viele Anwohner die Sichtungen und Schäden den Behörden gemeldet haben. Dabei spalten sich noch die Lager in jene, die panische Angst haben, und jene, die die Schweine sogar füttern. Angst haben typischerweise die Hundehalter, die sich nicht mehr auf die Straßen trauen und all jene, die spät abends von der Arbeit nach Hause kommen und sich dann regelmäßig einem oder mehreren Schweinen gegenüber sehen.

Die rechtlichen Umstände sind unklar. Von der Comune war die Rede, von einer Forstpolizei, von Ehrenamtlichen und der großen Frage, wer hier zuständig ist, bzw OB jemand zuständig ist. Manche Aussagen widersprechen sich da; einige Anwohner, die sich an die Ämter gewandt haben, beklagten, dass man ihnen nur gesagt hätte, dass man nichts tun könne. Andere wiederum riefen andere Nummern an und bekamen ganz andere Zusagen gemacht. Eine Stelle sagte, dass in Wohngebieten nicht geschossen werden dürfe, eine andere sagte, dass es bald ein neues Gesetz gäbe, dass die Wildschweinkinder, sprich Frischlinge, zum Abschuss freigeben würde. Das will dann wieder auch keiner; nicht mal ich. Wieder andere sagten, es müsse lediglich das Familienoberhaupt erschossen werden, und daraufhin würden sich alle verstreuen. Ein ziemliches Chaos und nichts ist zufriedenstellend. Manchmal hört man Schüsse in den Wäldern. Einige Halter von Schafen haben Angst um ihre Herden und nehmen die Sache alleine in die Hand.

Und wir?

Wir gehen im Dunklen auch nicht mehr vor die Tür. Nicht einmal mehr zu den Mülltonnen. Inzwischen kommen die Schweine praktisch jede Nacht. Und zwar nicht mehr nur aufs Terreno, das etwas abseits vom Haus liegt, sondern sie kommen direkt vor unsere Haustür. Dort fressen sie die alten Kirschen, die stündlich vom Baum fallen. Sie haben sich auch durch alle Grünflächen gebohrt und sämtliche Blumen und Sträucher herausgebuddelt. Wir wissen, dass sie da sind, sobald die Nachbarhunde laut bellen und nicht mehr aufhören. Dann kann man typischerweise ein lautes Schmatzen hören oder ein Grunzen und sieht eine variable Anzahl an Wildschweinen hier auf den Fußwegen zwischen den Häusern und Gärten. Kleine und Große. Wobei sich die Großen einen Dreck um die Kleinen zu scheren scheinen. Während ich bei meiner ersten Sichtung vor dem Haus noch fast gerührt war eine ganze Familie zu sehen, habe ich jetzt ausreichend Szenen beobachtet, die mich glauben machen, dass die Kinder ziemlich stiefmütterlich behandelt werden. Die Erwachsenen schubsen sie weg um selbst an die Beute zu kommen und wenn Gefahr droht, laufen die Großen davon, ohne auch nur darauf zu achten ob die Kleinen hinterherkommen.

In der Tat hat sich der Jurassic Park vor unser Haus verlegt. Neulich war meine bessere Hälfte noch einmal mit Ludwig draußen, als es circa Mitternacht war und während ich gerade einen Müllsack aus dem Garten tragen wollte, sah ich eine Schweinefamilie den Gehweg von Seiten der Nachbarn herunterkommen. Panisch schnappte ich das Telefon und warnte, dass sie bloß weit weg vom Haus bleiben sollen und dass ich sie mit dem Auto abholen komme, egal wo sie gerade seien. Mein Geschrei brachte auch die Wildschweinfamilie zur Umkehr und sie gingen zurück zur Straße. Übers Telefon lotste ich nun meine bessere Hälfte wieder nach Hause, der die Schweine selbst auf der Straße in einiger Entfernung sah und dann schnell zurück kommen konnte. Selbst in den Garten können wir nachts nicht mehr gehen, falls Ludwig ein dringendes Bedürfnis hat, weil wir dazu über den Gehweg müssen, auf dem auch die Schweine laufen und man nie wissen kann, wann sie auftauchen werden.

Kurzum, das Wildschweinproblem ist längst eskaliert und wird in der Nachbarschaft umfangreich und hitzig debattiert. Den ersten Unfall zwischen zwei Scootern, die beide einem Schwein ausgewichen sind und sich dabei gerammt haben, hat es auch schon gegeben und sofern nicht bald etwas getan wird, werden größere Probleme folgen. Insbesondere da die Schweine konstant mehr werden und bald kein Futter mehr finden werden, weil sie schon alle Felder und alle Gärten abgeräumt haben. Und dann wird es so richtig spaßig....



Sunday, June 18, 2017

Heimchen am Herd

Einblicke aus der Küche - 1. Semester 2017

 2 Sorten Pizza

 meine erste weiße Pizza

 mehrere Gänge

 Castagnaccio

 Auberginenfächer

 Burger

 Minipizza

 Tiramisu

 Kastanien mit Steinpilzen (Sauce)

 klassische Pasta mit Sugo

 Beerensmoothie

 Peperonata

 Pizzataschen

 Hustenbonbons

 Zitronenkekse

 eigene Pralinen

 Auberginenschiffe

 Müsliriegel

 überbackener Fisch

 Lachsröllchen

 Lasagne



Thursday, June 15, 2017

Kulturelle Wortunterschiede...

Ach ja, was wäre eine Sprache, in der sich nicht die Kultur, die sie verwendet, widerspiegelt? Vor einigen Monaten habe ich einen didaktischen Vortrag vor Publikum gehalten, für den ich mich in der Vorbereitungszeit ausgiebig mit dem Zusammenhang von Kultur und Sprache beschäftigt habe. Viele interessante Fakten, die jetzt nicht nur mich als Linguisten begeistert haben, sondern die auch mein Publikum als einen der spannendsten Punkte des ganzen Vortrags genannt hat.

Je unterschiedlicher die Kultur, desto mehr sehen wir auch die Unterschiede in der Sprache. So gesehen ist Italien gar nicht so weit entfernt, denn vielfach stimmen die verwendeten Konzepte mit dem Deutschen überein, aber einige Dinge spreche ich immer wieder bei meinen Schülern an.

Zum Beispiel verfügen wir nicht über so eine praktische Anrede wie "Signora", wenn wir den Namen nicht kennen. Alle meine Schüler kommen mir wenigstens einmal mit einem Satz wie "Guten Morgen, Frau!" an und sind dann sehr enttäuscht, wenn ich sage, dass das eher wie "Buongiorno, Donna!" klingt und wir leider nichts anderes haben, um jemanden zu adressieren, dessen Namen wir nicht kennen. "Guten Morgen, die Dame", kommt dem Ausdruck noch am nächsten, klingt aber gestelzt und trifft ebenfalls nicht komplett das praktische "Signora".

Und wenn wir noch bei Personen bleiben: Im Italienischen unterscheidet man auch nicht zwischen Nichte, Neffe, Enkel und Enkelin. Alle diese sind "nipoti" und werden auch nicht selten verwechselt beim Übersetzen, auch von Sprechern auf fortgeschrittenem Niveau. Denn wer in seiner eigenen Sprache nicht zwischen bestimmten Dingen unterscheidet, der hat eben oft auch Mühe das für eine andere Sprache zu tun, während es für Sprecher einer Sprache, die hier wie selbstverständlich unterscheidet, im ersten Moment nicht nachvollziehbar ist. Lehnen wir uns mal nicht zu weit aus dem Fenster als Kultur, die Neffen von Enkeln abgrenzt; es gibt Kulturen, die eine Reihe an verschiedenen Begriffen für Onkel haben, je nachdem ob es ein älterer oder jüngerer Bruder der Mutter oder des Vaters ist. Wer jetzt denkt "völlig unerheblich solche Unterscheidungen zu machen!", der kann sich sicher vorstellen, wie sich ein Italiener bei dem Unterschied zwischen Enkel und Neffe fühlt. Als Erklärung für das gemeinsame Wort wird übrigens angegeben, dass es auf die Spätantike zurückzuführen ist, als spezielle Rechte und Pflichten den Kindern des Bruders bzw den Kindern des eigenen Kindes gegenüber Teil der Familienorganisation waren. Für einen Italiener dürfte sich also auch heute noch das Konzept anfühlen wie "Kinder eines unmittelbaren Verwandten" und nicht wie für Deutsche "Kinder des Bruders" vs "Kinder des Sohnes".

Auch "casa" ist ein kniffliges Wort. Auf Deutsch wäre das "Haus", wird aber auch als "Zuhause" verwendet und damit auch immer wieder für Wohnungen verwendet. Ich brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass all die Personen, die Beschreibungen nach ein Haus bewohnten (auch oft auf Englisch oder auf Deutsch übersetzt mit "house" bzw "Haus"), in Wirklichkeit eine Wohnung hatten und ich diesen Übersetzungsfehler immer geraderücken wollte. Dabei gibt es ja auch italienische Begriffe für Wohnung, z.B. "appartamento" und die Unterscheidung wird auch gemacht, wenn man beispielsweise nach Wohnungsanzeigen sucht. Durch meinen eigenen sprachlichen Hintergrund nutze ich deswegen den Begriff "appartamento" weitaus häufiger im Alltag als das ein Italiener tun würde, der vom Konzept "Zuhause" ausgeht.

Und zu guter Letzt noch etwas Optisches: das Konzept der "hellen Augen". Ich wäre früher nicht auf die Idee gekommen zwischen hellen und dunklen Augen zu unterscheiden - für mich gab es blaue, grüne und braune Augen. Und so habe ich das auch immer im Italienischen benutzt, ehe mir auffiel, dass meine Umgebung immer zwischen "braunen Augen" und "hellen Augen" unterschied. Zur letzten Kategorie gehören demnach blaue, grüne und graue Augen, meiner Interpretation nach also Augenfarben, die hier als selten gelten. Da ich selbst aus einer Familie komme, die seit Generationen auf beiden Seiten ausschließlich aus blauen und grünen Augen besteht, wäre ich nie auf die Idee gekommen sie als "hell" zusammenzufassen, weil das Attribut hell für mich nie eine Rolle gespielt hatte. "Ja, er braucht immer eine Sonnenbrille, denn er hat helle Augen!" - "Haben deine Verwandten braune oder helle Augen?". Bei "dunklen Augen" wird meiner Recherche nach auch viel diskutiert, welche Begriffe hier richtig sind und welche nicht. Manch einer sagt "marroni", andere sagen "castani", manche unterscheiden die Farben auch oder sprechen einer Version jegliche Richtigkeit ab. Auch "schwarze Augen" gibt es immer mal als Kategorie. Interessanterweise unterscheide ich selbst hingegen bei "dunklen Augen" nicht. Für mich sind die alle salopp gesagt "braun", wahrscheinlich weil für mich persönlich das Konzept der "dunklen Augen" so fern ist wie die blauen und grünen Augen für das Gros der Italiener. Ein weiterer Beweis dafür, dass unsere individuelle Erfahrungswelt klar unsere Sprache bestimmt.



Thursday, June 1, 2017

Instagram...

In den letzten Wochen bin ich vermehrt gefragt worden, ob ich einen Intagram Account habe. Ja, habe ich. Wer einen Blick darauf werfen möchte, ist benvenuto hier:

https://www.instagram.com/catcinnamon/?hl=de

Fotos aus Italien, Deutschland, von besonderen Begebenheiten und dem ganz normalen Alltagswahnsinn...

Wednesday, May 24, 2017

Wildschweine...

Hier ein paar Eindrücke von Anwohnern unseres Ortes vom Mai 2017:






Tuesday, May 9, 2017

Klar bekommt du deinen Ausweis, sagte das Universum... Epilog

Bei schönstem Sonnenschein lief ich zurück zum Bahnhof, durch die Sicherheitskontrolle und Richtung Gleise. Und dann tat ich etwas total Verrücktes, was ich noch nie zuvor getan hatte: ich bestellte mir in der Bar einen caffè! Nein, kein Witz, das war das erste Mal. Bis heute habe ich nämlich noch nicht wirklich verstanden, wieso man in eine Bar springt, lässig einen Kaffee bestellt, den man in einem Schwung hinuntergießt und ohne sich irgendwie zu setzen oder anderweitig zu amüsieren wieder von dannen zieht. Aber nach diesem Abenteuer gehörte ich jetzt irgendwie dazu. Deswegen ging ich in die Bar wie alle anderen auch, bestellte wie selbstverständlich an der Kasse, zahlte, gab den Bon dem Mädchen hinter dem Tresen, goss einen Schuss Milch in meine Tasse, leerte das Gesöff in einem Schluck und war schon wieder draußen. So wie alle anderen auch.

Genau vier Wochen vergingen, in denen ich Tag für Tag eine Mitteilung an den Kurier an der Haustür hatte, für den Fall, dass niemand aufmachen würde. Irgendwann klingelte es schließlich und ich bekam zwei getrennte Umschläge überreicht: der eine hatte viele Informationen zur Nutzung und der andere enthielt meinen Ausweis! Wirklich! Leibhaftig! Und was sah der gut aus! Klein, handlich, druckfrisch aus Berlin! Und noch dazu mit dem guten Foto. Der Ausweis ist so schön und professionell, mit dem würde ich grad wieder versuchen einen Termin mit dem "direttore" zu bekommen. Vielleicht klappt es ja diesmal... ;)



Klar bekommst du deinen Ausweis, sagte das Universum... III

...Es glaubt mir kein Mensch, aber freitags vor dem neuen Termin ging das Motorrad erneut kaputt! Gleiches Problem, gleicher Ärger! Wutentbrannt buchte ich sofort einen Zug, der bereits horrende Preise hatte, aber wenigstens würde ich so nach Mailand kommen, allein und ohne weitere Hilfe. Es war egal. Ich wollte einfach nur den Kram abhaken können! Eine gewisse Spannung blieb, denn ich hatte in Mailand lediglich eine Stunde zwischen Ankunft und Termin im Konsulat und das konnte knapp werden, zumal ich eine Strecke von rund 20 Minuten zu Fuß hinter mich zu bringen hatte. Im schlimmsten Fall wäre ich zu spät und hätte beide Strecken fahren müssen, ohne auch nur einen Schritt weiter zu sein.

Am Montag stand ich deswegen schon zu Unzeiten auf, nahm einen viel zu frühen Bus um ebenfalls viel zu früh am Bahnhof zu sein. Bis hierhin war ich immerhin schon mal. Solange der Zug keine Verspätung hatte...es war sehr voll auf dem Bahnsteig, auch eine größere Menge Soldaten gingen hier auf und ab und als ein Zug nach Recco auf unser Gleis umgelegt wurde, wurd mir etwas mulmig. "Eh scusi, der Zug nach Mailand fährt doch auch von hier oder?", fragte ausgerechnet mich ein Mann, als wüsste ich mehr als er. "Das hoffe ich stark, denn sonst habe ich ein echtes Problem!" Und dann kam die Durchsage: "Der Intercity 658 nach Mailand verspätet sich um etwa 120 Minuten. Trenitalia entschuldigt ..." Was?! Waaas??!! Das war ja jenseits von gut und böse! Das war unglaublich! Das war einfach nur unfassbar!! Mailand ade! Mein Trip endete dort am Bahnsteig von Genova Brignole! Fast hätte ich geheult! "Lass dir dein Ticket erstatten!" rief meine bessere Hälfte am Telefon, als ich schon fast aus dem Bahnhof raus war. Schnell zurück und zum Informationsschalter gerannt. Hier bildete sich gerade in Windeseile eine Schlange und ich war immerhin auf dem dritten Platz. "Weiß man wieso der Zug nach Mailand nicht fährt?!" rief jemand über alle Köpfe hinweg. "Da ist jemand davor gesprungen!" erklärte der Mann am Schalter. "Das wird eine Weile dauern!" Die Leute vor mir ließen sich einen anderen Zug geben, die hinter mir hatten hiermit ihren Flug verpasst. "Muss ich mich hier anstellen, wenn ich mein Ticket erstatten lassen will oder kann ich morgen wieder kommen??" rief eine gehetzte Frau, die von ganz hinten in der Schlange gekommen war, die inzwischen bis in den Vorraum reichte. "Nein, nein, da müssen Sie hier warten", erklärte der Mann in aller Seelenruhe. "Oddiiiiooooooo" hörte ich sie wieder verschwinden. Als ich schließlich an der Reihe war, zeigte ich auch mein Rückfahrticket vor und erklärte, dass ich beide Tickets zurückgeben müsste. Ohne große Umstände bekam ich einen Wisch über den erstatteten Betrag und noch beim Verlassen des Gebäudes klickte mein Handy und bestätigte, dass Trenitalia Geld überwiesen hatte. Wenigstens kein finanzieller Verlust. Was aber war mit meinem Termin? Dem Termin, den ich ein zweites Mal nicht wahrnehmen konnte? Ich musste denen doch Bescheid geben! Auf der Homepage suchte ich vergeblich eine Telefonverbindung. Die Passstelle könnte man ab 16 Uhr telefonisch erreichen. Ansonsten gäbe es noch eine Nummer, die man nur im Notfall nutzen sollte. Nein, ein Notfall war das nicht. Ich kam nur einfach nicht nach Mailand! Egal wie ich es anstellte! Was war das Problem? Was stimmte nicht mit dem Trip? Ich brauchte doch diesen verdammten neuen Ausweis!

Das Motorrad war nicht zuverlässig, der Zug auch nicht. Es musste etwas anderes her! Die einzige Möglichkeit um auf Nummer sicher zu gehen, war, den einzigen Tag der Woche zu nehmen, der auch nachmittags Termine zur Verfügung hatte. Ich würde wieder in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus gehen, den gleichen frühen Zug nehmen, hätte vier Stunden Pufferzeit vor meinem Termin und weitere zwei Stunden bis zu meiner Rückfahrt. Ich wäre damit genau 12 Stunden unterwegs um einen Termin von 15 Minuten wahrzunehmen, aber es war die einzige Möglichkeit, wenn ich nicht in Mailand übernachten wollte...

Ich klickte mich wieder durch die Captcha-Termine, druckte wieder den Antrag mehrfach aus, machte von allem Kopien, gleich mehrfach (!) und fragte mich ob mich das Konsulat nicht inzwischen hasste. Oder ob sie mir keinen weiteren Termin mehr geben oder mich vor Ort anbrüllen, ich sollte endlich diese blöden Scherze lassen und dann sagen ich würde von ihnen nie und nimmer einen Ausweis bekommen!

Zwei Wochen später stand ich erneut auf dem Bahnsteig nach Mailand. Der Zug kam, er war pünktlich, ich saß sogar auf einem luxuriösen Einzelplatz mit Steckdose, kaufte beim Steward einen Kaffee und arbeitete mich durch 200 Seiten E-Book, ehe ich völlig unerwartet pünktlich in Milano Centrale einfuhr! Ich brauchte die ausgerechneten zwanzig Minuten zu Fuß zum Konsulat und entschied, die nächsten vier Stunden Wartezeit als entspannter Tourist zu verbringen. Es war zwanzig Jahre her, dass ich das letzte Mal als richtiger Tourist in Mailand war und ich wollte auf alten Spuren wandeln. Unter anderem saß ich eine gute Stunde auf dem Domplatz in der Sonne ohne irgendetwas zu tun. Haaaaach! Das war fast wie Urlaub! Dutzende Deutsche liefen hier in geführten Touren herum, ein Paar setzte sich glatt neben mich auf die Steine und fragte frei weg auf Deutsch (!) "Ist hier frei?" Sah ich so deutsch aus?! Schließlich gab ich in einem Buchladen noch ordentlich Geld aus und wusste, wieso es all die anderen Male nicht geklappt hatte. Mit ausreichend Zeit machte der Trip richtig Spaß! Völlig entspannt zog ich schließlich zurück zum Konsulat.

Die Tür war verschlossen und da hing ein Schild mit dem Hinweis sich im Stockwerk weiter oben zu melden. Na dann...hier klingelte ich und meinte förmlich auf Deutsch ich hätte einen Termin. Der Italiener, der mir geöffnet hatte, war überaus freundlich, nahm meinen Ausweis entgegen, erklärte in gebrochenem Deutsch, dass der Direttore noch nicht da sei, aber ich abgeholt würde und brachte mich in einen abgeschirmten Bereich. Hinter dem Glas sah ich ihn telefonieren, mit einem Kollegen sprechen und dann wild gestikulieren. Dann steckte er den Kopf durch die Tür und fragte leicht gehetzt (und diesmal auf Italienisch): "Ääähm, entschuldigen Sie vielmals, Signora, mit wem genau haben Sie den Termin?" Das wusste ich nicht. "Ich bin für einen neuen Personalausweis hier!" Aaaaah, er lachte erleichtert auf. "Das ist nicht in diesem Stockwerk! Ich muss mich entschuldigen, ich habe Sie verwechselt und ich hätte Sie gleich fragen können und dann hätten Sie nicht erst hier warten müssen!" Ach, guter Mann, wenn er gewusst hätte, WIE LANGE ich bereits auf das ganze Happening gewartet hatte...da waren die popeligen drei Minuten in diesem Büro hier wirklich nichts dagegen. Sicher hätte mich noch interessiert, mit wem er mich verwechselt hatte, offenbar täuschte der Umstand, dass ich in einem Business-Outfit gekommen war, aber dazu hatte ich nun auch keine Zeit mehr...

Mein echter Termin, für den ich gekommen war, fand in einem heruntergekommenen, alten Raum mit drei Schaltern statt und das mit einer halben Stunde Verspätung. Ich sprach mit der einzigen deutschen Person, die vor Ort war, ansonsten schienen nur Italiener hier zu arbeiten. Und garstig war die Person auch noch. Beschwerte sich, ich hätte zu viele Dokumente dabei, die sie alle gar nicht sehen wollte und irgendwas würde fehlen. Hey Kumpel, keine Dinger! Ich hatte alles überprüft, doppelt, dreifach, vierfach, fünffach! Wenn hier jetzt noch irgendwas schief ginge, dann würde ich mich hier an Ort und Stelle entleiben! "Ach nein, stimmt, ist alles da!" Dann sah ich wie sie die Fotos abmaß, verglich und dann wortlos die neuen mit dem roten Kopf weglegte und eines der alten, guten Fotos ausschnitt. Hurra! "Ich nehme an, Sie wollen den Ausweis zugeschickt haben und nicht noch einmal nach Mailand kommen, sehe ich das richtig?" - "In der Tat würde ich das bevorzugen. Ist das Shipping denn sicher?" - "Naja, wir garantieren für nichts, aber in den Jahren, in denen ich hier arbeite, sind nur zwei Ausweise auf dem Postweg verloren gegangen." Das Risiko würde ich eingehen. Ich unterschrieb, zahlte, bekam Broschüren zum neuen Ausweis und verließ das Konsulat...

Es war vollbracht!





Klar bekommst du deinen Ausweis, sagte das Universum... II

...Nun fehlte mir nur noch ein aktueller Nachweis über meinen Wohnsitz. Besuche in der Comune sind irgendwie immer ein Alptraum, weil ich mir nie sicher sein kann, dass ich am Ende auch das erreiche, was ich zu erledigen gekommen bin. Und zum ersten Mal musste ich dies alleine erledigen. Ich beschrieb mein Begehr der Frau am Eingang, die den Bürgern half die richtige Nummer zum richtigen Büro zu ziehen. Man schickte mich zur Abteilung für Immigration, die in den zwei Jahren seit meiner Meldung hier nun in ein anderes Stockwerk gezogen war. Fast eine Stunde lief ich wartend den Gang auf und ab, bis eine Russin mit rotem Kopf das Büro verließ und ich endlich eintreten konnte. Und nach nur einer Minute war ich schon wieder draußen. Mit einer Zeichnung und den besten Wünschen einer ehrlich betrübten Seele, dem es sehr leid tat, dass man mich ins falsche Büro geschickt hatte, denn mit Immigration hatte mein Anliegen gar nichts mehr zu tun. "Sie sind hier wie alle anderen auch gemeldet, deswegen gelten keine anderen Bedingungen und Sie müssen in die große Halle und ein Ticket für P ziehen. Zweimal rechts und dann geradeaus! Drücke die Daumen, dass es schnell geht!"

Später sah ich den Mann noch einmal, als ich in der neuen Schlange anstand. Er rief mir ein deutsches "Auf Wiedersehen!" entgegen und verschwand hinter einer Tür. Wenigstens musste ich diesmal nicht lange warten. Eine Frau, die unglaublich gelangweilt und missbilligend über eine Lesebrille schaute und ein Kaubonbon nach dem anderen kaute, war überraschenderweise sprachlich sehr freundlich, was man ihrem Ton und ihrem Blick nur nicht entnehmen konnte. In Zeitlupe klebte sie eine Marke nach der anderen auf meinen Nachweis, den sie ohne großes Warten gedruckt und unterschrieben hatte, schob mir den Wisch zu und hatte mit einem "Buona giornata Signora!" schon mit mir abgeschlossen, während ich mich noch bemühte den Dokumentenkram ungeknickt in meine Tasche zu bekommen, deswegen erst lange nach ihr "Buongiorno!" sagte und endlich aufstand.

Ich hatte meine Dokumente! Ich konnte endlich nach Mailand!

Nun, aufgrund der langen Fahrt und überhaupt, entschied ich zunächst meine bessere Hälfte mitzunehmen. Mit dem Motorrad würden wir um ein Vielfaches schneller sein und unmittelbar danach wieder nach Hause fahren können. Und deswegen kam nur ein Montag in Frage. Mühsam klickte ich mich durch die Terminauswahl des Konsulats. Immer wenn ich einen Tag angeklickt hatte, um die freien Termine zu sehen, musste ich erneut ein Captcha eingeben, was auch mit viel Mühe kaum zu entziffern war. Dementsprechend nervenaufreibend war der ganze Spaß, aber am Ende hatte ich einen Termin mit nur zwei Wochen Wartezeit. Jetzt konnte ich endlich auch den Antrag ausfüllen, mit Datum versehen und unterschreiben. Ich glaube, ich habe mich selten so oft verschrieben wie bei diesem Antrag. Selbst meine Unterschrift hatte irgendwann versehentlich eine Silbe mehr und dann durfte ich den Antrag immer und immer wieder neu ausdrucken und ausfüllen. Ich weiß selbst nicht wieso der Wurm drin war, aber der Antrag, den ich schlussendlich abgeben konnte, war Antrag Nummer zwölf (12!) und das ist keine Übertreibung. Es gab nämlich abgesehen vom konstanten Verschreiben noch andere Probleme...

Beispielsweise war es dann so, dass in der Nacht vor dem Termin das Motorrad kaputt ging. Einfach so. Das wäre nicht so dramatisch gewesen, hätte nicht das Auto ebenfalls in der Werkstatt gestanden. Und kein Zug wäre rechtzeitig in Mailand gewesen, selbst wenn ich noch ein Ticket bekommen hätte. Es ging nicht anders, ich musste den Termin stornieren! Immerhin hatte man mir per Mail einen Link zur Stornierung mitgeschickt, falls ich meinen Termin nicht hätte wahrnehmen können. Allerdings ließ sich der Link nicht mehr klicken, weil ich einen Termin desselben Tages nicht mehr stornieren konnte. Wunderbar! Also antwortete ich wenigstens auf die Mail mit dem Link, erklärte was passiert war und dass ich deswegen nicht würde kommen können, aber kaum hatte ich das Werk abgeschickt, kam es auch schon wieder postwendend zurück, denn es hatte sich um eine no-reply-Mail gehandelt. Nun denn, also gab es keine Möglichkeit zu stornieren. Ich war gezwungen einen neuen Termin zu suchen und kämpfte mich erneut durch diverse Captcha-Hürden, ehe ich für weitere zwei Wochen später einen neuen Termin ergattert hatte.

Das hieß, dass ich auch den Antrag neu ausfüllen musste, neuer Ausdruck, neues Datum, neue Verschreiber und als ich endlich alles zusammen hatte, hieß es: warten.



Klar bekommst du deinen Ausweis, sagte das Universum... I

...und dann setzten wir uns hin und lachten und lachten über den guten Witz...
Tja, ich brauchte nun dieses Jahr einen neuen Personalausweis, weil mein alter von 2007 im März ablaufen würde. Nach dem Hin und Her mit meinem italienischen Führerschein war mir strenggenommen schon seit diversen Monaten mulmig, wenn ich an den erneuten bürokratischen Meilenstein dachte und vor allen Dingen, was alles dabei schief gehen konnte.
Im Januar nahm ich mir dann schließlich ein Herz und suchte im Netz nach Informationen. Aufgrund etwas ungenauer Angaben glaubte ich, dass ich alles hier in Genua über die Bühne bringen konnte, immerhin gibt es hier ein Konsulat und eine Seite hatte neben dieses auch "Passwesen" geschrieben.

Erstes Aufatmen. So schrieb ich ebenfalls im Januar eine Mail an ebendieses Konsulat mit Bitte um einen Termin für einen neuen Personalausweis. Nach einigen Tagen bekam ich eine Antwort, aber nicht aus Genua, sondern aus Mailand. Von dort schickte man mir gleich einen Haufen an Informationen, eine Liste von Dingen, die ich mitbringen sollte und einen Link zum Onlinekalender, um mir einen Termin auszusuchen. Oha, ja, das war eindeutig aufwändiger geworden. Eine Reihe an Dokumenten, die zu besorgen waren und schließlich würde ich nach Mailand fahren müssen. Erst einmal stand ein Trip nach Deutschland an. Dort musste ich eine Geburtsurkunde besorgen, von der ich fälschlicherweise glaubte, es sei ein Dokument, das man bei der Geburt bekommen hatte. Also verlangte ich die Herausgabe dessen von meinen Eltern und als klar war, dass ich wieder auf die Ämter müsste und das Wochenende vor der Tür stand, war das Gerenne wieder groß. Eine Sachbearbeiterin hatte fälschlicherweise erklärt, es würde eine Woche dauern, ehe man das Dokument abholen könnte, und nein, verschicken würden sie es nicht, das müssten dann meine Eltern abholen und mir irgendwie zukommen lassen. Nun denn, wenigstens war dann die Erleichterung groß als ich vor Ort feststellte, dass ich lediglich einen Zettel ausfüllen musste, 11€ zahlen und dann nach gut 15 Minuten Wartezeit das fertige Dokument mitnehmen konnte. Ganz einfach, ganz unkompliziert.

Also zurück nach Italien. Was mir noch fehlte, war ein ausgefüllter Antrag, ein Passfoto, ein aktueller Nachweis über meinen Wohnsitz (nicht älter als drei Monate), ein Nachweis über die Abmeldung in Deutschland und so einige Dokumente, die ich aus Sicherheit alle dabei haben wollte, denn man weiß ja nie. Ein Passfoto hatte ich im Grunde, ein gutes sogar, aber mit dem Lineal nachgemessen hätte sein können, dass genau 1 Millimeter zu seiner Brauchbarkeit fehlte und auch daran sollte es am Ende nicht scheitern. Also mussten auch neue Fotos her und es war wichtig, dass die Abmessungen diesmal größer waren. Ich kenne hier einen sehr guten Automaten, von dem ich auch die guten Fotos habe und dieser war zuverlässig, schnell, günstig und auch noch einfach zu bedienen. Wenn man die passenden Münzen hatte...ja und die hatte ich gerade noch so cash dabei. Schnell außen in den Schlitz geworfen und mich selbst in den Automaten...nichts. Keine Reaktion. Freundlich forderte mich der Bildschirm auf das Geld einzuwerfen. Hatte ich doch! Aber Moment, der Geldschlitz war innen. Gleich neben der Kamera. Und ich hatte es außen eingeworfen. Gleich wieder rausgesprungen, schaute ich schnell nach. Hah! Toll! Der Schlitz hatte gar nicht zu den Fotos gehört, dafür hatte mir der Automat 2 wundervolle kleine Disneyschlüsselanhänger mit Daisy Duck ausgespuckt. Ich liebe Disney, versteht mich nicht falsch, aber in diesem Moment hasste ich es. Was sollte ich mit diesen blöden Anhängern?! Und wo bekam ich jetzt neue Münzen her? Mir blieben 15 Minuten bis zur Schließung des Einkaufszentrums. Auf in den Supermarkt, wahllos etwas kaufen und mit den Münzen wieder in den Automaten, eingeworfen, der Automat rasselt. Jetzt sehe ich, dass er auch Scheine angenommen hätte. Gut, egal. In letzter Sekunde denke ich noch daran mich näher an die Kamera zu setzen, um größere Fotos zu bekommen. Klick! Nach nur einer Minute liegen die gedruckten Bilder im Kasten zum Mitnehmen. Knallroter Kopf und der Blick eines aufgeschreckten Kaninchens - aber wenigstens stimmten die Abmessungen...



Thursday, April 27, 2017

Es blutet auf der Post...

Eigentlich bin ich ein Meister im Paketepacken und Verschicken. Allerdings nur andersherum. Also von Deutschland nach Italien. In den letzten acht Jahren habe ich ganz sicherlich mehr als fünfzig davon gepackt, verklebt und zur Post gebracht. Ich kannte alle Maße und Gewichte auswendig, wusste das Porto zu bestimmen und wie man platzsparend verschachtelt, ohne dass etwas zu Bruch geht. Und dann habe ich per Sendungsnummer das Shipping verfolgt und mich diebisch gefreut, wenn schließlich die Nachricht kam, dass das Paket zugestellt worden war.

Da ich nun ja nicht mehr in Deutschland wohne, hat sich das ganze Packhobby auf wenige Ausnahmen - zum Beispiel nach Weihnachten - reduziert und ja, irgendwie fehlt mir da was. Ich hätte ja nun auch meinerseits Pakete nach Deutschland schicken können, aber seitdem meine bessere Hälfte mir ganz am Anfang zwei Pakete Macine-Plätzchen aus der Toskana hatte zukommen lassen, wusste ich, dass diese ihn finanziell fast ruiniert hätten. So hatte sich das unbezahlbare Porto irgendwie in meinem Kleinhirn festgesetzt und ich vermied daraufhin italienische Postdienste überhaupt in Anspruch zu nehmen.

Aber was tut man, wenn einen die verstreuten Familienbruchstücke aus verschiedenen Teilen Deutschlands regelmäßig mit Paketen voller Tiernahrung, Schokolade und Geschenken jeder Art bedenken und noch dazu Ostern vor der Tür steht? Dann sieht man in der Konditorei diese echt leckeren Plätzchen und sagt sich - ach, jetzt zu Ostern überrasch ich sie mal. Gesagt, getan, und so stopft man - das Porto im Hinterkopf - voller Bedacht die Schachteln in die kleinstmögliche Verpackung, die man auftreiben kann, verzichtet im einen Fall sogar auf die beizufügende Osterkarte, weil dafür kein Platz mehr ist und stellt zufrieden fest, dass es die kleinsten Pakete sind, die man je zuvor gepackt hat.

Das war an Karfreitag. Ja, denn Karfreitag hatten auch hier alle Geschäfte auf, nur die Schulen gönnten sich eine kleine Auszeit und nannten die fünf freien Tage, die mitten in der Woche begannen und mitten in der Woche darauf endeten, Osterferien. Aber ob Karfreitag die Post auf hatte? Meine bessere Hälfte sagte ja und irgendwie hatte ich ja gehofft, er würde die Sache einfach schnell vor der Mittagspause für mich erledigen, aber nein, ich musste diesmal selbst ran. Dazu muss man wissen, dass die Poststelle hier im Ort wirklich klein ist. Eine Tür, zwei Schalter und ein Tisch zum Ausfüllen von Karten und all das auf gefühlten drei Quadratmetern. Das heißt, wenn Zahltag für die Rentner ist, geht die Schlange draußen noch meterweit die Straße hinunter und man muss sich gar nicht erst die Mühe machen sich dort einzugliedern. Aber das ist nicht das einzige Problem. Auch die Öffnungszeiten sind etwas gewürfelt und das Schlimmste ist, dass man ums Verrecken auch keinen Parkplatz findet, da wir von einer engen Straße voller Hochhäuser sprechen, deren Bewohner selbst schon keine Parkmöglichkeiten haben, geschweige denn Postkunden hier bedacht werden können. Keine Möglichkeit zu Parken und dann horrende Portokosten - das Unterfangen hatte sich inzwischen zu einem subjektiven Alptraum zusammengebraut. Das konnte einfach nicht klappen, es würde mich umbringen. Aber nein, es waren doch bloß zwei simple Postsendungen, die ich nach Deutschland schicken wollte, also auf ging's!

Meine bessere Hälfte nahm mich auf dem Motorrad mit nach unten und damit war das Parkproblem schon mal aus der Welt geschafft. Zurück würde ich den Bus nehmen. Mutig stiefelte ich die Straße hinauf und sah alle Scheiben dunkel. Hatte ich es doch geahnt! Aber nein, sie hatten geöffnet, sie hatten tatsächlich an Karfreitag geöffnet und würden meine Pakete frankieren und abschicken. Jetzt würde doch noch alles gut werden! Als täte ich nie etwas anderes, betrat ich also die kleine Poststelle und gleich rief es vom Schalter Nummer 2 beschwingt "Buongiorno Signora! Venga, venga!" Ein warmer Empfang, hier war ich gut aufgehoben! "Ich hoffe, Sie verzeihen, aber meinen Kaffee kippe ich eben noch schnell hinunter!" Ja, nur zu, besser als allzu förmlich. "Ich möchte diese kleinen Päckchen nach Deutschland schicken und strenggenommen merke ich gerade, dass ich nicht weiß, wie". Richtig, ich hatte keine Ahnung. DHL Aufkleber? Handschriftlich? Nichts davon? Boh! "Gar kein Problem!" Er nahm zwei völlig leere Zettel und kritzelte mit einem Filzstift Überschriften drauf. Er sprach jetzt sehr deutlich, vielleicht wusste er nicht wie gut mein Italienisch war: "Hiiiiier schreiben Sie den Mittente drauf, das sind Siiiiie, und hiiiiier kommt der Destinataaaario drauf, das ist die Person, für die das Paket ist. Und hier das gleiche noch mal für das zweite Paket. Also hiiiiier der Mittente, also Siiiiie und...."

Es war fast geschafft! Während ich meinerseits kritzelte, betraten noch weitere Kunden die Post und ließen mich tatsächlich in Ruhe schreiben, ohne vor mir dran genommen werden zu wollen. Das machte mich leicht nervös. "Sind Sie fertig? Venga, venga!" rief es vom Schalter, als ich vor versammelter Mannschaft schließlich aufstand und dieses Publikum im Nacken lieber vermieden hätte. Ich legte die ausgefüllten Zettel auf die Pakete in ein Sicherheitsfach und stellte zu spät fest, dass ich die Adressen vertauscht hatte. Die innenliegende Karte hatte jetzt einen anderen Namen, aber der Mann von der Post war bereits am Kleben. "Soooo...das können wir noch als Einschreiben schicken, dann wird es billiger!" - Nur zu, billiger war immer gut und ein Einschreiben käme an. "Dieses hier...das wären dann 18€...das andere fürchte ich, wird etwas mehr, weil es größer ist." Was?! Das waren Plätzchen für schlappe sechs Euro, war das ein schlechter Scherz? Und hatte ich überhaupt ausreichend Bargeld dabei?! Ich muss pink angelaufen sein, ich laufe immer pink an, wenn es gerade ganz ungünstig ist.

Eine alte Frau kam nach vorne und reichte an einer Kundin am Schalter 1 vorbei eine große Plastiktüte durch die Öffnung. "Lucia!!!! Buona Pasqua! Lasst es euch schmecken!!!" Es roch nach Fleisch! "Grazie Generale!!" rief mein Schaltermann um die Ecke, während die Tüte in eine Ecke gestellt wurde und dann zu mir: "Nein, nein, auch das zweite geht noch für 18€ durch. Vado?" Die Hand am Paket schaute er mich an. "Buona Pasqua, buona pasqua!" grüßte es hinter mir aus dem Publikum, während die alte Frau - Generale?? - die Post gleich wieder verließ. Hier kannte jeder jeden. Und ich stand als einzige Ausländerin mit pinkem Kopf am Schalter mit meinen überteuren Keksen und schluckte. "Vado?" - "Sì, sì, avanti!" bestätigte ich das Porto und zahlte schockiert meine 36€ für zwei Päckchen à 400gr Gewicht und den vertauschten Adressen. Nur nichts anmerken lassen! Ich bekam zwei Durchschriften um die Sendungen online verfolgen zu können und mit einem fröhlichen "Buona Pasqua, Signora!" wurde ich in den Tag verabschiedet. Das hatte weh getan...doch, ja, das Porto brachte einen hier um, ich hatte es ja gewusst. Nie wieder! Niiie wieder würde ich hier ein Paket verschicken. Und ich würde jetzt auch keinen Bus nehmen, ich würde zu Fuß laufen, um das Ticket zu sparen und würde in jeden Briefkasten auf dem Weg nach Hause meine Visitenkarte werfen. Ich brauchte jetzt Geld! Viel Geld!

Ach so, was auf der Post geblutet hatte?? Na, mein Herz natürlich! Mein Herz!



Tuesday, April 4, 2017

Boh, beh, mah...tja...

Wann fühlt man sich zu einer Sprache halbwegs zugehörig? Wenn man seltsame Alltagssprachpartikel anwendet ohne eine griffigere Alternative parat zu haben. Im Italienischen gehören dazu Ausrufe wie "Boh", die auch völlig alleine stehen können und dennoch alles aussagen, was sie aussagen sollen. Darüber hinaus fallen mir noch "Beh" und "Mah" ein und dann natürlich "Eh". Es gibt auch "Oh", was man jetzt wie im Deutschen verwenden kann oder möglicherweise regional eingeschränkt auch mit drohender Bedeutung, als Warnung, vor allen Dingen, wenn es ein ziemlich kurzes und scharfes "Oh!" ist und ausgesprochen vielleicht eher nach "Ou!" klingt.

Halbwegs bekannt ist natürlich das "Boh!", das man glaube ich ziemlich schnell lernt, wenn man sich mit der Sprache oder dem Land beschäftigt. Man kann es kurz sagen oder auch richtig langziehen, je nachdem wozu man es gerade verwendet. "Boh" heißt soviel wie "Keine Ahnung" oder gilt als genereller Ausruf des Nichtwissens. "Boh" ist damit schon eine komplette Antwort oder aber man ergänzt noch "non lo so", was dann zu einem "Boh, non lo so" und damit zu "Keine Ahnung, ich weiß es nicht" wird. Oder wenn man noch andere Informationen zum Nichtwissen ergänzen will, kann man etwas sagen wie "Boh, forse alle 5" ("Keine Ahnung, vielleicht um 5 Uhr") je nachdem, um was es bei der Frage ging.

"Boh" habe ich anfangs in denselben Topf geworfen wie "Beh", dabei ist "Beh" etwas völlig anderes. Während man mit "Boh" ausdrückt, dass man keine rechte Ahnung hat, ist "Beh" oftmals einfach nur eine Einleitung, vielleicht etwas relativierend. Langenscheidt übersetzt "Beh" mit "Naja, also" und das trifft es meiner Meinung nach ziemlich auf den Punkt. Man könnte auch sagen "Nun..." oder auch "Tja...", die ja auch im Deutschen ähnlich funktionierende Partikel sind.

"Mah" übersetzt Langenscheidt mit "hm". Meiner Erfahrung nach ist "mah" in den Regionen, die ich hier im Norden kenne, eher abfällig gemeint oder drückt aus, dass man irgendwie tendenziell dagegen ist, sich aber ansonsten nicht weiter dazu äußern möchte. Wenn beispielsweise jemand sagt, dass er wegen einer Kleinigkeit aus dem Job gefeuert worden ist, dann würde ein  abfälliges "Mah!" durchaus passen. Es hängt natürlich auch davon ab, wie man es betont. Ein kurzes, zackiges "Mah!" mit fast aspiriertem H am Ende klingt für meinen Geschmack immer sehr missbilligend und auch deswegen auch völlig alleine die Antwort stellen.

Dann gibt es natürlich noch das "Eh!". Und das ist wirklich recht universell. Langenscheidt bietet hier die folgenden Übersetzungen an: Eh! He! Jaja! Naja! Was solls! Nicht wahr? Oder? Es kann einleitend: "Eh, cosa ti devo dire?" (Eh, was soll ich dir sagen?) oder auch abschließend "Bello, eh?" (Toll oder?) verwendet werden und klingt möglichweise etwas weniger formell, was aber auch für die anderen Partikel gilt.